Wir wissen, wie er’s meinte - Zum Tod von Hartmut Erlemann (1948–2014)

Am 7. Oktober 2014 verstarb im Alter von 66 Jahren nach langer Krankheit der Eutiner Antiquar Hartmut Erlemann. Für viele Kolleginnen und Kollegen war Hartmut Erlemann Freund, Ratgeber und Vorbild. Christian Hesse würdigt sein Leben in einem Nachruf. Darüber hinaus haben wir die Verbandsmitglieder gebeten, folgenden Satz zu ergänzen: „Wenn ich an Hartmut Erlemann denke, erinnere ich mich besonders …“

Schon vor  Jahren hatten wir gedacht, uns Antiquariatsmessen in Stuttgart, Hamburg, Köln und Amsterdam nicht ohne ihn vorstellen zu können. Seine Ausstellungsstände waren umlagert von den Liebhabern meisterhafter Einbände, originalgraphisch illustrierter Pressendrucke, aber auch der seltenen Ephemera, alles auf das Exakteste bibliographisch beschrieben, alles sorgsam in Schutzhüllen präsentiert. Und dazu der „Hausherr“: In einer Mischung aus westfälischer Gelassenheit, norddeutschem Understatement und dem weltläufigen Geschäftssinn des Amsterdamer Kaufmanns stand er da und verkaufte – aber nicht nur: Er beriet und half; Kunden und Kollegen gleichermaßen. Und genau dies, sein Wissen, sein Rat, seine Hilfsbereitschaft werden uns nun für immer fehlen: Am 7. Oktober starb Hartmut Erlemann. Schon lange war er schwer krank. Eigentlich hätte ihm der Arzt die Teilnahme an der Stuttgarter Messe verboten, die schlechte Luft im Ausstellungsraum sei nicht gut für ihn als Asthmatiker, so erzählte er mir – heftig rauchend.

An einen Unverwechselbaren werden wir uns erinnern. Und an einen Antiquar, der sich in Forschungsarbeit am Buch – sei es ein wertvoller Pressendruck auf Pergament oder ein kleines Heftchen der Soncino-Gesellschaft – verlieren konnte. Und der – gefragt oder ungefragt – Nachlässigkeiten bei Buchbeschreibungen nicht durchgehen ließ. Dann konnte, auch zu ungewöhnlichen Zeiten, das Telefon klingeln, die Eutiner Vorwahl im Display drohend anzeigen und einen mahnenden Vortrag übermitteln. „Sie wissen, wie ich’s meine.“ Unermüdlich engagierte er sich über Jahrzehnte für eine innere und äußere Gemeinschaft der Antiquare; sowohl im Deutschen und Niederländischen Verband der Antiquare, auf Messen und besonders bei der Redaktion des Gemeinschaftskataloges der Antiquare.

Geboren wurde Hartmut Erlemann am 2. August 1948 als Sohn einer westfälischen Kaufmannsfamilie, in Rüthen besuchte er die Schule und machte dort 1969 sein Abitur. Noch war es nicht die weite Welt, die er erkundete: In Aachen studierte er Germanistik, Psychologie und Geographie. Über der Beschäftigung mit der deutschen Barockliteratur entstand seine Liebe zu Grimmelshausens „Der erste Beernhäuter“  – wie viele der insgesamt 320 Exemplare des Otto von Holten-Drucks mit den Radierungen von Marcus Behmer mögen im Laufe von vier Jahrzehnten durch seine Hände gegangen sein?

In nahezu idealer Weise verband Hartmut Erlemann das ihm in die Wiege gelegte kaufmännische Denken mit der Liebe zum schönen Buch. 1978 zog er nach Amsterdam, eine Stadt, die fast sinnbildlich für eben diese beiden Pole stand. In dem berühmten Erasmus-Antiquariaat von Abraham Horodisch fand er 1978 Anstellung, lernte die vielfältigen Facetten von Buchhandel und Antiquariat, Sammler- und Händlerkreisen kennen und erwarb sich profunde Kenntnisse vor allem auf dem Gebiet der Buchkunst des 20. Jahrhunderts. 1984 trennten sich die Wege und Hartmut Erlemann gründete, zunächst in Hamm, 1988 dann wieder in Amsterdam, eine eigene Firma. Bis in die letzten Lebensjahre hinein wirkten die Wurzeln der Jahre bei Abraham Horodisch; Hartmut Erlemanns Plan einer Veröffentlichung über die von jenem mitbegründete „Soncino Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches“ konnte er nicht mehr abschließen.

1990 heiratete er, bald darauf wurden die Söhne Hendrik und Andreas geboren. Und dann gab es da wohl noch eine große Liebe, die zu einer Landschaft: Nach der Jahrtausendwende zog die Familie von Amsterdam ins holsteinische Eutin, nur wenige Kilometer von der Ostseeküste entfernt. Es sollte dort sicher beschaulicher zugehen als in der Keizersgracht 258 – doch nur eine kurze Zeit durfte Hartmut Erlemann das genießen. Dann folgten Krankheiten, die zunehmend sein Leben beherrschten und die alltägliche Arbeit erschwerten. Und dennoch arbeitete er auch in den letzten Jahren rast- und manchmal fast beängstigend ruhelos. Seltener wurden seine Besuche beim Hamburger Antiquariats-Stammtisch, bei Kunden und den hiesigen und ferneren Auktionen. Und doch blieb er präsent, mit Rat und Hinweisen, guten Tipps und mancher Kritik.

Dies alles werden wir vermissen und mit ihm einen wirklich besonderen Kollegen und guten Freund. Und wenn auch oft nicht in dem Moment, da er es aussprach, aber jetzt, rückblickend, wissen wir, wie Hartmut Erlemann es meinte.

Christian Hesse (Vorstandsvorsitzender, Verband Deutscher Antiquare e.V.)

„Wenn ich an Hartmut Erlemann denke, erinnere ich mich besonders …“

… an kurzweilige Gespräche mit einem humorvollen Kollegen, meist im „Raucherfreibereich“ der Stuttgarter Messe abgehalten, zu Zeiten als ich diesem Laster noch selber fröhnte.

Max Neidhardt

… an einen Anruf von ihm, in dem er mich als „Lehrling“ und kommenden Nachfolger anwerben wollte. Als ich ihm dann am Ende des langen Gesprächs auf seine Nachfrage hin mein Alter verriet, rief er aus: „Was, Sie sind schon über 40? Dann sind Sie ja schon viel zu alt, um das alles noch zu lernen was ich Ihnen beibringen will.“

Thomas Paulitz

… an folgende Begebenheit: Vor manchem Jahr besuchte ich ihn in Amsterdam, wo er mir, nachdem er mich abends zu einem opulenten Essen und zu noch opulenterem Weingenuss mit anschließendem Du eingeladen hatte, am nächsten Morgen interessante Autographen aus dem Umkreis von Klaus und Erika Mann zeigen wollte. In Hartmuts Geschäftsräumen in Amsterdam waren die Wände mit Regalen bestückt, in welchen seine Bücher ordentlich aufgereiht standen. Die Mitte des Raumes wurde von seinem Schreibtisch und von dreifach aufgestapelten Umzugskartons eingenommen. Hartmut stellte mich zuerst mit einer mäßig interessanten Verlagskorrespondenz ruhig und tauchte dann für längere Zeit in dem Berg von Umzugskartons unter. Erst nach gefühlten eineinhalb Stunden tauchte er wieder aus dem Schachtelmeer auf mit der Frage: „Weißt du, Eberhard, was mich am Antiquariat am allermeisten nervt? Das wirst du dir vielleicht schon gedacht haben.“ Ich hatte keine Ahnung, was er sich schon gedacht hatte, bekam aber unverzüglich Auskunft: „Das ist diese ewige Sucherei!“ Dem Freund und Kollegen Hartmut Erlemann schulde ich vielfachen Dank für seine Hilfe und Unterstützung in mancherlei beruflichen Lebenslagen.

Eberhard Köstler

… an seine ungeheure Fachkompetenz und sein Wissen, das er nicht für sich behielt, sondern sehr kollegial weiterreichte. Die diesbezüglichen, herrlichen Abende in Amsterdam mit ihm werde ich nie vergessen.

Paul Schindegger

… gerne an die fernmündliche Erzählung zahlreicher spannender Anekdoten um Größen der Antiquariatswelt, die trotz ihres teils haarsträubenden Inhaltes immer in ein herzhaft-heiseres Gelächter seinerseits mündeten, in das ich gewöhnlich einstimmte. „Das muss aber unter uns bleiben, Frau K.“ Das wird es, Herr Erlemann.

Daniela Kromp

… an sein gastfreies Haus in Amsterdam und Eutin.

Detlef Gerd Stechern

… an seine Beratung für meine Marcus Behmer Sammlung. Seine Kenntnisse in dieser Richtung waren umfassend und unerlässlich. Er war ein großer Antiquar.

Daniel Buchholz

… an unser allererstes Treffen auf dem ILAB-Kongress in Köln, als ich mich zu ihm in ein ansonsten leeres Zugabteil setzte und er mir Jungspund gleich das Du anbot. Daraus wurde eine über ein Vierteljahrhundert währende Freundschaft.

Frank Albrecht

… erinnere ich mich besonders an seinen Katalog Nr. 10: Marcus Behmer (Juli 1991) aus Amsterdam sowie an einen netten und hilfsbereiten Kollegen und an lange Telefongespräche zu Behmer und zur Exlibriskunst. Seine Kenntnisse und Ratschläge werden mir sehr fehlen.

Michael Butter

… erinnere ich mich besonders an seine ersten Tage bei Erasmus in Amsterdam in der Nachfolge meines damals verstorbenen Freundes Jürgen Recksiek. Im Laufe der Jahre gab es geschäftlich wie privat viele positive Ereignisse. Seine liebenswerte „Kantigkeit“  im doppelten Sinne des Wortes wird uns fehlen.

Jochen Granier

… erinnere ich mich besonders an die  inhaltlich beeindruckenden Kataloge, die ein reiches und überzeugendes Wissen reflektierten. Ebenso lebendig sind Erinnerungen an seine nicht nachlassende, ansteckende Passion für unseren schönen Beruf.

Alexis Cassel & Dieter Lampe

… erinnere ich mich besonders an seine Besuche in unserem Laden am Stephansplatz. Er arbeitete damals noch in Amsterdam und kam wegen der Auktionen nach Hamburg. Auch ist mir unvergesslich eine lange Nacht in Münster anlässlich einer Tagung der Maximilian-Gesellschaft. Er konnte immer herrliche Anekdoten von Büchern und Menschen erzählen.

Dietrich Schaper

… erinnere ich mich besonders an unsere 6jährige gemeinsame Redaktion des Gemeinschaftskataloges. Obwohl diese Zeit mittlerweile ein Vierteljahrhundert zurückliegt, sind die vielen anekdotenreichen Telefonate am späten Nachmittag in bester Erinnerung.

Franz Siegle

… an sein trockenes Lachen, die Nebengeräusche des Rauchens und Rotweintrinkens im Telefonhörer, und ich ärgere mich, dass ich es - wie schon einmal vor Jahrzehnten bei Hans Marcus - versäumt habe, seine reichen, die Branche betreffenden Erinnerungen zu dokumentieren. Der Düsseldorfer Kollege Marcus starb damals plötzlich und unerwartet, mit dem Tod Hartmut Erlemanns ist für uns Antiquare erneut ein ganzes Archiv an Erinnerungen verloren gegangen;  ich wusste zwar schon lange, wie schlecht es um ihn stand, aber er lebte und arbeitete so fleißig und tapfer immer weiter, dass ich den Besuch bei ihm in Eutin - auch aus eigener Bequemlichkeit -  immer wieder aufschob, weil es schien, dass noch Zeit sei. So schickte ich ihm noch Anfang Oktober in Sachen Soncino-Gesellschaft auf seinen Wunsch eine Rezension per E-Mail. Sein Rat und seine tatkräftige Unterstützung in Sachen der Genossenschaft der Antiquare, die weit über die Arbeit am Gemeinschaftskatalog hinausging und bis zur sehr aktiven Mitgliederwerbung für die GIAQ reichte, fehlt mir schon jetzt.

Christoph Schäfer

Zwischen Abraham Horodisch und Peter Tumarkin ist es Hartmut Erlemann gelungen, selbst leicht legendäre Züge anzunehmen. Fahr wohl, alter Schwede.

Georg Fritsch


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