„Es lohnt sich!“ – Katalog 200 des Antiquariats Engel in Stuttgart, besprochen von Frank Werner

Die anthroposophische Buchhandlung Engel und Co. kann auf eine lange und bewegte Geschichte zurückblicken, in der sich öfter der Name änderte, nie aber das Konzept: Die Verbreitung anthroposophischen Schrifttums zu fördern und darüber hinaus ein ausgewähltes Sortiment allgemeiner, guter Literatur zu führen.

1928 wurde in Stuttgart, der Stadt der ersten Waldorfschule, die „Bücherstube Else Bühler“ gegründet, 1935 die Buchhandlung Wezorke. Beide waren der Anthroposophie verpflichtet. 1953 trat Herbert Engel in die Wezork’sche Buchhandlung ein. 1964 übernahm er die Bücherstube Bühler in der Alexanderstraße, in den Räumen, die sie auch heute - vergrößert - noch inne hat.

In dieser Zeit entwickelte sich, wie so oft in Buchhandlungen, eher nebenher ein kleines Antiquariat mit einem gewissen Schwerpunkt auf der Kunst. 1969 trat Walther Streffer in die Firma ein. Er übernahm die Führung des Antiquariats und begann, die Naturwissenschaften zu pflegen. 1970 wurde der erste Antiquariatskatalog herausgegeben. 1979 begann der Sohn Ulrich Engel seine Lehre im Antiquariat. Nachdem Streffer aus der Firma ausgeschieden war, übernahm er die Leitung des Antiquariates. Der fragile Gesundheitszustand des Vaters machte es nötig, dass er sich aus dem Tagesgeschäft im Sortiment zurückzog.  Ulrich Engel wird in diesem Bereich seitdem tatkräftig unterstützt von seiner Frau Elke und einer Riege kenntnisreicher Mitarbeiterinnen.

Wenn man die recht steile, von Gründerzeithäusern gesäumte Alexanderstraße hinaufgestiegen ist, und die Tür zur Nr. 11 geöffnet hat, tritt man in eine andere, eine bessere Welt. Man steht in einer Buchhandlung, die weder Teddys noch Nudeln, Wein oder sonstigen Schnickschnack verkauft. Auch einen Coffee-Point wird man vergeblich suchen. Nein, es gibt Bücher, gute, schöne, ausgewählte Bücher. Kaum Taschenbücher. Der Schwerpunkt Anthroposophie ist nicht zu übersehen, warum auch, aber er dominiert nicht. Kommt man mit den freundlichen Buchhändlerinnen ins Gespräch, gewinnt man den Eindruck, sie hätten jedes Buch gelesen, das sie anpreisen. In einem angrenzenden Raum gibt es ein modernes Antiquariat, auch hier kenntnisreich und liebevoll ausgesuchte Werke; keine ramschige Stapelware. Kunden werden wie Freunde begrüßt, man kennt sich, schätzt und versteht sich. So muss es „früher“ oft in Buchhandlungen zugegangen sein, heute findet man das in den Riesenläden kaum noch.

Ja, und  will man ins Antiquariat, so muss man eine Wendeltreppe hinauf in den ersten Stock besteigen, deren Stufen natürlich auch als Bücherschauflächen genutzt werden. Hier oben findet man vier Räume vor, die mit antiquarischen Büchern gefüllt, aber nicht vollgestopft sind. Es gibt eine erkennbare Ordnung. Hier oben ist auch das wissenschaftliche Antiquariat noch zu spüren, die Auswahl an naturwissenschaftlichen Büchern ist groß. Angenehm ist, dass man nicht misstrauisch beäugt wird, sondern in Ruhe stöbern darf. Ulrich Engel, wenn er nicht gerade im Sortiment, im Lager, im Packraum oder bei einem Ankauf ist, sitzt in einem großen Büro etwas abseits. Hier ist jede halbwegs ebene Fläche mit Bücherstapeln gefüllt, und auf dem Boden türmen sie sich, die Stalagmiten der Druckkunst. Geradezu schlafwandlerisch sicher bewegt Engel sich in diesen Schluchten, und er findet jedes Buch. Ein Phänomen! Den Zeitläuften geschuldet, findet sich ein großer Bildschirm und eine kleine Tastatur auf einem Gebilde, das ein Schreibtisch sein könnte. An diesem Schreibtisch und an diesem Bildschirm produziert Ulrich Engel fast jeden Monat einen schmalen Antiquariatskatalog mit 150 bis 250 Titeln. Die Beschreibungen sind kurz, aber korrekt, die Preise moderat. Vernünftige Bücher zu vernünftigen Preisen.

Nun ist er in der Zählung bei der Nummer 200 angekommen, und zu einer so stattlichen, runden Summe darf es dann auch mal was Besonderes sein. Er hat also einen Katalog gemacht:

200 schöne, alte, seltene und wertvolle Bücher

Literatur, Kunst, Philosophie, Geschichte, Naturwissenschaften, Geographie, Reisen

Der Katalog kommt in einem ansprechenden Dunkelrot daher, mit einem bunten Bildchen auf beiden Deckeln. Innen geht es bunt weiter: Fast jedes Objekt wird von einer farbigen Abbildung begleitet. Den Anfang macht eine kleine Sammlung von Autographen. Carus ist mit zwei Briefen vertreten (400 € und 600 €), Haeckel (120 € bis 650 €), der Architekt Mendelsohn (880 €) sowie Bruno Taut (680 €). Die Abteilung Literatur enthält zwei Highlights: Ess-Seyyid Muhammad Zakir. Die 99 Namen Allahs. Ein außerordentlich schön ausgeführtes und herrlich geschmücktes Manuskript von dem Kalligraphielehrer am osmanischen Hof in Konstantinopel. Er arbeitete um 1850, und es sind nur wenige Stücke von ihm bekannt, sie gelten als besonders feine und kostbare Werke (9800 €).

Ein weiterer Höhepunkt der Abteilung, und des Kataloges, ist eine umfangreiche Sammlung von Aquarellen und Radierungen der Brüder Josef und Vinzenz Marschall. Die Sammlung umfasst 87 farbige Aquarelle, 47 Radierungen, fast 300 Postkarten, Kupferplatten und manches mehr. Die fein und professionell ausgeführten Aquarelle zeigen meist Stadt- und Landschaftsabbildungen aus dem süddeutschen Raum (7800 €). In der Religion und Philosophie findet man Ernst Blochs Dissertation. Sie ist von größter Seltenheit und nur in kleinster Auflage erschienen (1500 €). Hier gibt es auch eine Postinkunabel: Dionysus Areopagita, Caelestis hierarchia. In Venedig 1502 gedruckt. Ein seltenes Werk dieses einflussreichen theologischen Autors (2400 €).

Natürlich darf auch Rudolf Steiner hier nicht fehlen. Die Philosophie der Freiheit, in Berlin 1894 gedruckt, ist die seltene erste Ausgabe von Steiner‘s Hauptwerk. Bei den Naturwissenschaften fällt ein Exemplar von Füeßlys  Archiv der Insectengeschichte auf. In Zürich sind 1781 bis 1786 acht Hefte mit zusammen 51 kolorierten Tafeln erschienen (1900 €). Außerdem findet man hier J. S. Kerners Beschreibung und Abbildung der Bäume und Gesträuche, welche in dem Herzogthum Wirtemberg wild wachsen. 9 Hefte. Cotta 1783-92. Das Werk enthält 71 handkolorierte Kupfer.

Schließlich die Abteilung Reisen. Engelbert Kaempfers großes Werk Amoenitatum exoticarum brachte dem Publikum erstmals nicht nur Japan, sondern auch Persien und die Krim näher. Das Exemplar, in einem schönen Lederband der Zeit, liegt in der ersten Ausgabe vor (4500 €). Carsten Niebuhr bereiste Arabien, um die naturwissenschaftlichen Angaben der Bibel zu prüfen. „Durch ihn begann die neuzeitliche Kenntnis vom Orient.“ Ein frisches und sauberes Exemplar in einem prächtigen Einband, reich illustriert (2800 €). Abschließend sei Hieronymus Welsch genannt. Seine Wahrhafftige Reiß-Beschreibung schildert neben Deutschland meist Südeuropa, besonders Italien. Sie erschien 1658 in Stuttgart. Nach einem umtriebigen Leben als Söldner ließ er sich in seiner Vaterstadt Augsburg als Arzt nieder (1900 €).
So sind hier einige besonders schöne Stücke genannt, aus einem Katalog, der eigentlich nur aus schönen Stücken besteht. Aber wer könnte sie alle nennen! Man merkt dem ganzen Katalog die Freude und die Liebe zu den Büchern an, die das Haus Engel und Co. seit ihrem Beginn begleitet.

Wanderer, kommst du nach Stuttgart, erklimme die Alexanderstraße bis zur Nummer 11, trete ein – es lohnt sich!

ENGEL & Co. GmbH Buchhandlung und Antiquariat

Alexanderstraße 11

Postfach 10 12 41
70184 STUTTGART

Geöffnet Montag bis Freitag 9.30 - 18.30 Uhr und Samstag 9.30 - 13.00 Uhr

•  Katalogbestellung

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