Kunst und Kultur am Bodensee - 600 Jahre Konstanzer Konzil

44. Seminar für Antiquare vom 11. bis 14. September 2014

Um es gleich zu sagen: das Seminar für Antiquare – vom Fortbildungsausschuss um Regina Kurz, Eberhard Koestler und Hermann Wiedenroth für den Verband Deutscher Antiquare 2014 zum 44. Mal ausgerichtet - ist keine „Rare Book School“ wie man sie aus den USA und neuerdings auch aus England kennt. In der Rare Book School an der University of Virginia, beim Colorado Antiquarian Book Seminar oder beim britischen Ableger in York drücken die Antiquare die Schulbank, setzen sich für eine Woche in ein Klassenzimmer (einer Universität) und erlernen die Grundbegriffe des Antiquariatsbuchhandels: Aufnahmetechniken, Bibliografieren, Katalogerstellung ... Damit übernehmen die „Rare Book Schools“ die Funktion der früheren, klassischen Antiquariatslehre wie sie auch in Deutschland von kaum einem Berufsanfänger mehr absolviert wird. Denn die meisten Antiquare sind Quereinsteiger mit einer geisteswissenschaftlichen, künstlerischen oder auch betriebswirtschaftlichen Vorbildung. Genau hier anzusetzen und nach amerikanischem oder britischem Vorbild eine „Rare Book School“ in Deutschland zu begründen, könnte ein lohnenswertes Projekt für die Zukunft sein. Das aber kann und will das Fortbildungsseminar des Verbands Deutscher Antiquare überhaupt nicht leisten. Denn es ist viel mehr. Das Seminar bietet Erkenntnisgewinn für Antiquare – Neueinsteiger und Fortgeschrittene – an den Orten, an denen Geschichte in Buchform geschrieben, gedruckt, verbreitet wurde. Es ist der i-Tupfen im Antiquariatsalltag, die Kür nach der Pflicht; hier erwirbt man das Wissen, mit dessen Hilfe Titelaufnahmen und Antiquariatskataloge ihren besonderen Reiz – und ihre speziellen Verkaufsargumente – erhalten. 2014 war Ziel des Seminars Konstanz: die Stadt des Konzils, dessen sechshundertjähriges Jubiläum mit zahlreichen Veranstaltungen sowie einer sehenswerten Ausstellung im ehemaligen Konzilsgebäude begangen wird. Geschichtsträchtig ist auch das Haus zum Vorderen Tanz, in dem die Seminarvorträge stattfanden: zur Zeit des Konstanzer Konzils befand sich dort der Legende nach ein Bordell, mit unterirdischem Verbindungsgang Richtung bischöflicher Residenz.

Das Seminar – mit 45 Teilnehmern wie gewohnt ausgebucht – wird für seinen Wohlfühlfaktor gerühmt. Zu Recht: in intensiver Form wird an drei Tagen mit Vorträgen, Bibliotheksbesuchen und Exkursionen so viel Hintergrundwissen vermittelt, wie man weder auf einer Bildungsreise à la Studiosus noch durch eingehende einsame Lektüre in vergleichbar kurzer Zeit erlernen könnte. Noch dazu in freundschaftlicher Atmosphäre jenseits des konventionellen Zeremoniells einer Antiquariatsmesse. Es spricht für den Geist des Seminars, dass die Teilnehmer nach Ende des Tagesprogramms nicht in alle möglichen Richtungen (Restaurants) verschwinden, sondern sich en famille irgendwo zum zwanglosen Abendessen versammeln, Anekdoten erzählen, Erfahrungen austauschen, lachen, diskutieren. Und da ist sie dann plötzlich wieder, trotz aller Umsatzsorgen, Datenbankdifferenzen, Kundenüberalterungsspekulationen und anderer  Sinnfragen: die Freude am „schönsten Job der Welt“, wie es ein Seminarteilnehmer formulierte. Wer, wie ich, das erste Mal ein Seminar besucht, wundert sich über die fröhliche, lockere und produktive Atmosphäre (ganz ohne Anzug und Krawatte), die in dieser Form auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse nicht denkbar wäre. Perfekt für Einsteiger wie 2014 Maria Danelius (Gerda Bassenge) oder langjährige Fans wie Sabine Keune, die seit 1986 fast kein Fortbildungsseminar versäumt hat. Es wäre zu wünschen, dass die Auktionshäuser dem Beispiel Bassenge folgten, denn das Team um Dr. Markus Brandis reist jedes Jahr mit vier jungen Kolleginnen und Kollegen an. So ist das Seminar für Antiquare auch ein Einstieg in das Berufsleben und der erste Schritt in Richtung Mitgliedschaft im Verband. Gleich nach dem Konstanzer Seminar wurden neue Anträge auf Mitgliedschaft gestellt. Gut so!

Zurück in die Stadt des Konstanzer Konzils. 600 Jahre nach den Ereignissen hat Michael Trenkle fast im Alleingang ein hervorragendes Seminar organisiert, dessen Programm keine Wünsche offen ließ. Ihm gebührt herzlichster Dank für diese ganz großartige Leistung.

Den Einstieg in die Thematik lieferte am Donnerstag Thomas Martin Buck mit seinem Vortrag „Ein Buch prägt die Erinnerung. Ulrich Richental und seine Konzilschronik“. Warum gilt bis heute das Konstanzer im Vergleich zum Basler Konzil als das wichtigere historische Ereignis? Weil es aus Konstanz Bilder gibt. Richentals reich illustrierte Chronik gilt als maßgebliche Quelle, aber war dieser tatsächlich der alleinige Autor? Warum, zum Beispiel, ist in der „objektivierten“ Version der Chronik der Autor nicht mehr fassbar? Viele der von Thomas Martin Buck in seiner Editionsgeschichte erwähnten Ausgaben waren beim nachfolgenden Besuch der Landesausstellung „Das Konstanzer Konzil 1414-1418. Weltereignis des Mittelalters“ zu besichtigen. Tag eins des Seminars endete mit einer stürmischen Fahrt über den Bodensee, vorbei an der formschönen Hafenfigur Imperia. Die üppige Kurtisane von Peter Lenk trägt zwei Figuren auf ihren Händen, die Kaiser Sigismund und Papst Martin V. zur Zeit des Konzils karikieren.

Am Freitag beschrieb Helmut von Bohr Konstanz als eine „Weltstadt auf Zeit“, die trotz ihrer entscheidenden Rolle während der Zeit des Konzils ein weißer Fleck auf der Karte der Inkunabeldrucker geblieben ist.  Erst 400 Jahre später, von 1840 bis 1848, erlangte Konstanz Bedeutung als Buchdruckerstadt. Heinz Bothien von der Thurgauer Kantonsbibliothek erläuterte die Vorjahre der Revolution 1848, die Situation der Exilanten und das Wirken des Verlags „Belle-Vue bei Constanz“. Am Nachmittag gab Ute Obhof von der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe einen interessanten Einblick in die Bibliothek Joseph von Laßbergs und darüber hinaus in die Hintergründe des Verkaufs der Sammlung Fürstenberg in Donaueschingen (Nibelungenlied!) sowie den Erwerb wichtiger Stücke aus dieser Sammlung durch die Badische Landesbibliothek. Beim abschließenden Besuch des Rosgartenmuseums standen Konstanzer Drucke aus der Zeit der Reformation im Mittelpunkt.

Unbestrittener Höhepunkt des Programms war am Samstag der Besuch im Antiquariat Bibermühle. Der Empfang war herzlich und überwältigend. Weder hatte Heribert Tenschert mit so vielen Kollegen, noch hatten diese mit einer derartigen Fülle seltenster Zimelien gerechnet. Die historischen Gebäude der Bibermühle am schweizerischen Oberrheinufer beherbergen eine einzigartige Sammlung, die in ihrer Vielfalt, Erlesenheit und Qualität weltweit ihresgleichen sucht. Dort gibt es nicht „nur“ mittelalterliche Stundenbücher und illuminierte Handschriften, äußerst seltene Drucke auf Pergament, Pressendrucke oder alle großen illustrierten Ausgaben.  Allein der französischen Buchkunst ist ein ganzer Raum voller schönster Bücher in eleganten Einbänden gewidmet. Heribert Tenschert hatte einige der vorzüglichsten Stücke ausgewählt, die er mit Eloquenz, Witz, unglaublicher Begeisterung und bestechender Sachkenntnis präsentierte. Die Antiquare waren hingerissen und – was selten vorkommt – sprachlos ob ihrer Bewunderung. In Dieter Tauschs Erinnerungen an das Seminar liest sich das ein paar Tage später so:

„Seit diesem Samstag wissen alle, die dort waren, dass für den Granducato des alten Buches die Flöte kein Musikinstrument ist. Eine Tenschert-Flöte sieht ungefähr so aus, das illustrierte Buch sowieso: ‚Normale Ausgabe‘, ‚Ausgabe auf größerem Papier‘, ‚Ausgabe auf Pergament‘, ‚Ausgabe auf Pergament mit Extrasuiten‘, ‚Widmungsexemplar der Ausgabe auf Pergament ungeborener Schafe mit Extrasuiten und Originalfederzeichnungen‘ etc. etc. etc bis ins letzte höchste Glied. Dass alle Flötenlöcher in unberührter Erhaltung und in herrlichen Einbänden vorhanden sind – und das nicht nur einmal – versteht sich von selbst. Chapeau und überaus beeindruckt: Herzlichen Dank!!!“

Das Seminar klang aus mit einem Besuch im Napoleon Museum-Arenenberg samt Präsentation von Büchern und Karikaturen aus der Zeit der Bonapartes am Bodensee, einem anschaulichen Vortrag von Joachim Siener über den Bauernkrieg im deutschen Südwesten und einem interessanten Streifzug durch gut 130 Jahre Zeppelin-Geschichte, dessen Titel Archivleiterin Barbara Waibel nach dem Erlebnis Bibermühle mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Humor nach unten korrigierte: „Das Zeppelin-Archiv und seine (Schätze) Bestände“.

Fazit? Fortan gehöre ich zu den überzeugten Seminarteilnehmerinnen, die keine Bildungsreise der Antiquare an Orte, wo Bücher Geschichte schrieben, auslassen werden. Ab jetzt werde ich Teilnahmeurkunden sammeln, so wie Sabine Keune oder Günter Bilger, die nahezu komplette „Flöten“ der vom Fortbildungsausschuss signierten Urkunden besitzen.  Gleich morgen schreibe ich an Regina Kurz und fordere das Anmeldeformular für das nächste Jahr an.

Bis dahin!

Barbara van Benthem

•  Fotos vom Seminar in Konstanz 2014


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