17.10.2016
Kategorie: ILAB, Veranstaltungen

»face-to-face ist nicht zu übertreffen«

Sabine Keune berichtet über den 42. ILAB-Kongress in Budapest und das abwechslungsreiche Rahmenprogramm


»Ich werde alle folgenden Kongresse besuchen«, war das Fazit eines Kollegen in Budapest. Wenn den Teilnehmern die Frage gestellt worden wäre: »Wollen sie wieder an einem Kongress der ILAB teilnehmen?«, hätten vermutlich die meisten mit Ja gestimmt, bei einer sehr hohen Wahlbeteiligung.

Der 42. ILAB Kongress lockte vom 21. bis 25. September Antiquare aus aller Welt in die ungarische Hauptstadt. Die etwa 100 Teilnehmer kamen aus 18 Ländern, aus Deutschland waren sieben angereist. Durch ein von den Gastgebern gesponsertes Juniorprogramm konnten auch drei jüngere Antiquarinnen ihren ersten Kongress erleben.

Das abwechslungsreiche, klug komponierte Programm, in das viel Insiderwissen floss – dank des Antiquars Adam Bosze, ein versierter Kenner der ungarischen Musikszene, der mit seinen Musiksendungen in Radio und Fernsehen präsent ist – führte die staunenden Teilnehmer von einem Highlight zum nächsten. Die Organisation durch eine kleine, aber erfahrene Gruppe war geprägt durch Charme und Sachkenntnis. Nicht selten ein wesentlicher Grund für die Teilnahme waren die vielfältigen Begegnungen und Gespräche am Rande, für die ausreichend Zeit zur Verfügung stand.

Am Vorabend gab es einen Willkommensempfang im Paris Department Store, im prunkvollen ehemaligen Ballsaal des historischen Kaufhauses. Dem folgte am nächsten Morgen der Besuch der ungarischen Nationalbibliothek, deren Bibliothekare voller Freude und Stolz Schätze aus fünf wichtigen Sammlungsbereichen zeigten: Autographen von Mozart, eine kürzlich wieder aufgefundene Seltenheit, und Liszt, Glanzstücke aus der 1.300.000 Objekte umfassenden Theatersammlung, die erste gedruckte Karte von Ungarn (1528), koloriert von Johannes Spießheimer, schöne illuminierte Manuskripte, ein Exemplar der Chronica Hungarum (1473), dem ersten in Ungarn gedruckten Buch und weitere Zimelien.

Nach dem Mittagessen im Manna Restaurant folgten »Abenteuer zu Fuß«, eine 3½ Stundenführung im Buda Castle Bezirk, dem Burgviertel, die von den jungen Stadtführern mit vielen Informationen so interessant gestaltet wurde und auch zu Schauplätzen der Kunst und Literatur führte, dass die Aufmerksamkeit nicht erlahmte. Wir trafen u. a. auf Spuren von Béla Bartók, Klaus und Thomas  Mann, Ödon von Horvath, Franz Werfel und konnten in einer der ältesten Konditoreien in Buda, dem »Ruszwurm« pausieren. Nach einer Verschnaufpause gab es abends ein Essen im Ankert, einem »Ruinenpub« mit einem Ethno-Jazz Konzert.

»Die Welt der Bibliotheca Corviniana – Codex Dante«

Am nächsten Tag besuchten wir die Universitätsbibliothek und bewunderte die bedeutende Sammlung des ungarischen Königs Matthias Corvinus. Von den 216 bekannten »Corvinen«, die zum Teil nach dem Tod des Königs und der Eroberung durch Sultan Suleiman 1541 verloren gingen, und von denen nicht wenige Kostbarkeiten im Serail in Konstantinopel unsachgemäß aufbewahrt wurden, befinden sich heute mit 53 Exemplaren die meisten wieder in Budapest. Neben weiteren prachtvollen illuminierten Handschriften wurden Glanzstücke der Inkunabelsammlung, frühe ungarische Drucke und Beispiele aus der beeindruckenden Fotosammlung präsentiert. Ausführlichere Informationen zu den Bibliotheken sind auf der Website der ILAB zu finden.

In der anschließenden Versammlung im Bibliothekssaal wurde der neue Vorstand der ILAB vorgestellt: Gonzalo Fernandéz Ponto (Spanien) ist der neue Präsident, weitere Mitglieder sind Sally Burden (Australien), Michel Bouvier (Frankreich), Rob Shephard (Großbritannien), Stuart Bennett (USA), Michael Graves-Johnston (Großbritannien), Fabrizio Govi (Italien) und Robert Schoisengeier (Österreich).

Das praktische Directory soll nicht mehr erscheinen, es wird ausschließlich auf die Website gesetzt, die überarbeitet werden soll. Der Ort des nächsten Kongresses steht leider bisher nicht fest. Angelika Elstner (Südafrika) ersetzt in Zukunft die langjährige Betreuerin der Website Barbara van Benthem, die sich neuen Aufgaben widmet. Névine Marchiset (Frankreich) wird in bewährter Weise weiter für die ILAB tätig sein.

Unterschiedlichste Kulturerlebnisse

Danach gab es ein Mittagessen im traditionellen Café Central, direkt neben der Bibliothek. Abends beeindruckte die temporeiche Pferdeshow im Lázár Equestrian Park außerhalb von Budapest. Zum Abendessen mit ungarischen Spezialitäten spielte die beste Gypsie Band Ungarns auf. Das war schließlich so mitreißend, dass eine rasch wachsende Polonaise beschwingt durch den Saal tanzte. Als die Musiker den bekannten 60er-Jahre-Hit «Those were the days my friend, we thought they never end….« variierten, stellte sich heraus, dass es ursprünglich ein russisches Lied war.

Zahlreiche Weggefährten waren ergriffen, als das Orchester von Lajos Sárközy jr. eine leise Weise zur Erinnerung an Bob Fleck spielte, der am selben Tag verstorben war. Ich traf Bob Fleck, der immer die neusten Entwicklungen im Blick hatte, und dem die ILAB viel zu verdanken hat, das erste Mal Mitte der 90er Jahre als er in Stuttgart versuchte die versammelten Aussteller von der zukünftigen Bedeutung des Internets und der Webauftritte zu überzeugen. Beim Abschiedsdinner wurde ihm der 42. Kongress gewidmet.

Am Freitag konnte man zwischen zwei Programmpunkten wählen, die meisten besuchten die Bibliothek und das Informationszentrum der ungarischen Akademie der Wissenschaften mit der bedeutenden Judaika Sammlung Kaufmann. Eine kleinere Gruppe fuhr mit der ältesten U-Bahn auf dem europäischen Kontinent zum »House of Terror«, Andrássy Út 60, in dem ab 1937 die ungarischen Nazis, die Pfeilkreuzler und von 1945 bis 1956 die gefürchtete politische Polizei der kommunistischen Partei, ÁVO und ÁVH, ihr Hauptquartier hatten. Das Museum dokumentiert mit vielen bedrückenden Exponaten die Naziherrschaft und die Herrschaft der kommunistischen Partei.

Großes Lob für den kleinen ungarischen ILAB-Verband

Mittags genossen wir dann eine Schifffahrt auf der Donau. Das sonnige Wetter erlaubte es, an Deck zu sitzen und entspannt die Umgebung zu betrachten. Vor dem Abschiedsessen wurde im Vigadó, einem prachtvollen Gebäude und heutigem Sitz der Akademie der Künste, die Antiquariatsmesse feierlich eröffnet. Die erste internationale ungarische Messe, die in den Medien viel Beachtung fand, war auch an den folgenden Tagen gut besucht. In zwei schönen Räumen gab es 29 Stände. Dabei waren fünf deutsche Teilnehmer, die Antiquariate Bachmann & Rybicki,  Dasa Pahor, Rotes Antiquariat, Nikolaus Struck und Uwe Turszynski.

Beim Farewell Dinner im Kempinski wurde jedem Teilnehmer ein Geschenk der ungarischen Antiquare überreicht – »The First ILAB Congress Book« –, ein limitierter Pressendruck des Gedichts »Der Rabe« von E. A. Poe, gestaltet und illustriert von András Felvidéki. Das Vorwort endet mit den Wünschen der Gastgeber: «The Raven is not only a symbol of Poe’s poetic universe, but also happens to be the heraldic animal of one of the greatest Hungarian Kings, Matthias (1440–1490), who is remembered, amongst other things, for his celebrated library. Just as Corvinas’ illustrated codices, commissioned by  Mathias, preserved the name of the book-loving king, we hope that this little publication will help you retain the memory of the 42nd ILAB Congress, and the love of books shared by all Hungarian antiquarian booksellers.«

Ja, die Erinnerungen werden bleiben und die Bewunderung für einen sehr kleinen und jungen ILAB Verband, der mit diesem Kongress und der Messe Großes zustande gebracht hat.

Seit Jahrzehnten findet alle zwei Jahre dieses gesellige Zusammentreffen von Mitgliedern der nationalen Verbände statt. Auch dieses Mal konnte man wieder vielfältige neue Kontakte knüpfen und alte Freunde treffen, denn nicht wenige der Teilnehmer hatten sich bei früheren Kongressen kennengelernt. Auch ich erinnere ich mich deshalb gern an Köln (1992), Amsterdam (1994), Los Angeles (1996), Wien (1998) und Madrid (2008).

Der Kongress in Budapest bestätigte wieder auf schönste Weise: »amor libri nos unit«. Und diesen Zusammenhalt über Länder- und Sprachgrenzen hinweg brauchen wir verstärkt in der Zukunft.

 

Fotos: Névine Marchiset


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57. Stuttgarter Antiquariatsmesse
26. bis 28. Januar 2018
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