22.05.2017
Kategorie: Personalia

Nachruf Dr. Hans Schneider

Bayer und Sir: die Musik und das Buch waren sein Leben. Eberhard Köstler erinnert an Hans Schneider (1921–2017).


Niemand hat in den letzten sechzig Jahren das deutsche Musikantiquariat so sehr verkörpert wie Hans Schneider, der für sein segensreiches Wirken mit Orden und Ehrentiteln überhäuft wurde. Nun ist er am 9. April 2017 im Alter von 96 Jahren gestorben.

Im kleinen Ort Tutzing am Starnberger See hat er mit Blick über die südliche Seehälfte und auf die Alpenkette sein Geschäft mit Beharrlichkeit, profunder Kenntnis und Fingerspitzengefühl zum Erfolg geführt. Die gesamte musikwissenschaftliche und -bibliothekarische Welt pilgerte zu ihm auf das in Tutzing so genannte »Schneider-Bergl«, dem Sitz eines der bedeutendsten Musikantiquariate der Welt.

Der von seinen Mitarbeitern liebevoll »Ha-Es« genannte Hans Schneider wurde am 23. Februar 1921 in Eichstätt geboren und gründete im Oktober 1949 nach Studien in München, Innsbruck und Uppsala sein Musikantiquariat, dem er durch überragendes Wissen und kaufmännisches Geschick Weltgeltung verlieh. Die wichtigsten Musikautographen und Notendrucke gingen durch seine Hände, darunter Haydns »Lerchen«-Quartett, Mozarts Klaviervariationen KV 455, das Klarinetten-Konzert in Es von Carl Maria von Weber, der vollständige Text von Wagners »Lohengrin« sowie zahlreiche Manuskripte und Briefe von Bach, Beethoven, Brahms, Bruckner, Chopin, Liszt, Mendelssohn Bartholdy, Reger, Schubert, Schumann, Verdi und vielen anderen. Auch ganze Bibliotheken hat Hans Schneider vermittelt. So gelangte etwa die Sammlung des berühmten Haydn-Forschers Anthony van Hoboken über ihn in die Österreichische Nationalbibliothek. Über 480 Antiquariatskataloge, die von Sammlern und Wissenschaftlern als erstrangige Informationsquelle geschätzt werden, geben von dieser Tätigkeit Kunde.

Ein Hauptinteresse Schneiders war die Musikbibliografie, und ein Grundsatz seiner Arbeit lautete, dass kein Musikdruck undatiert das Haus verlassen dürfe. Schon sein Kollege Jürgen Voerster stellte vor Jahren fest, Schneider habe »mehr Musikdrucke datiert und bibliografisch erfasst als die gesamte Fachwissenschaft«.
Im Jahr 1958 ergänzte Hans Schneider sein Antiquariat durch einen musikwissenschaftlichen Verlag, in dem er rund 1300 Monografien, Standardwerke und Zeitschriften publizierte. Dieses enorme verlegerische Schaffen, das der Antiquar sozusagen »im Nebenberuf« bewältigte, wurde 2003 von Hermann Holzbauer in einem vierbändigen Katalog der Universitätsbibliothek Eichstätt gewürdigt und erschlossen. Aber auch als Musikforscher trat Hans Schneider hervor, mit bahnbrechenden Arbeiten über die Musikverlage von Heinrich Philipp Boßler (1744–1812), Johann Michael Götz (1740–1810) und Makarius Falter (1762–1843).

Zu Wien, der europäischen Hauptstadt der Musik, hatte Hans Schneider ganz besondere Bindungen. Die Österreichische Nationalbibliothek hat er ebenso mit seinen Schätzen bereichert wie das Archiv der »Gesellschaft der Musikfreunde in Wien«. Der Direktor dieses Archivs und langjährige Wegbegleiter Otto Biba hat in einer Gedenksendung des Klassik Radios Hans Schneider als »Antiquarius und Verleger ohnegleichen« anhand von ausgewählten Erwerbungen porträtiert und seine vielfältige Persönlichkeit sehr treffend als »Kombination aus Bayer und Sir« charakterisiert.

Die Reihe seiner Verdienste (die Bundesrepubliken Deutschland und Österreich sowie Bayern verliehen ihm Verdienstorden, die Universität Eichstätt das Ehrendoktorat, die Gemeinde Tutzing die Ehrenbürgerschaft, zahllose Gesellschaften und Vereine Ehrenmitgliedschaften) wäre nicht komplett, ließe man den von skurrilen Einfällen und Wortspielen überbordenden, reich sprudelnden Humor Hans Schneiders außer Acht. Von Zeit zu Zeit brach dieser sich in fingierten Antiquariatskatalogen Bahn, die zum Beispiel einer  »Musikbibliothek des Luxusdampfers Bremen« gewidmet waren. So findet sich auch in seinem Nachlass ein grafischer Zyklus von Wolpertinger-Darstellungen, dessen künstlerischer Höhepunkt ein entzückender »Lebe Wol Pertinger« ist.

Nun  ist Hans Schneiders Lebensmusik ausgeklungen,  sein Lebensbuch ist geschlossen und wir sagen ein letztes Mal: »Lebe wohl, Hans Schneider.«



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