13.03.2018
Kategorie: ILAB

The Dangerous President’s Suite

oder ein kurzer Bericht vom 43. ILAB-Kongress


Am 4. Februar 2018 um 19 Uhr trafen sich gut einhundert Antiquare aus aller Welt im Pacific Asia Museum in Pasadena, um von Mary Gilliam, der Präsidentin des Amerikanischen Verbandes, willkommen geheißen zu werden. Das, in den nächsten drei Tagen folgende, straff geplante Programm war hauptsächlich von Jennifer und Brad Johnston zusammengestellt und organisiert worden, zwei junge amerikanische Antiquare, die erstmals in Budapest 2016 einen solchen Kongress besucht hatten und nun mutig die Organisation übernahmen.

Der Montagmorgen begann  mit einem ersten Höhepunkt – Huntington Library! Deren Bibliothekare nach kurzer Begrüßung, mit uns – wie sie selbst sagten – eine umgekehrte Messe durchführen wollten. Die jeweiligen Abteilungen zeigten uns ihre interessantesten Neuerwerbungen aus den letzten Jahren, ausgebreitet auf Tischen rings um einen großen Raum, und boten uns die Möglichkeit, mit den entsprechenden Fachreferenten ins Gespräch zu kommen. Nur Kaufen durften wir leider nicht. Danach blieb genug Zeit, um sich die ständige Buchausstellung, inklusive der auf Pergament gedruckten Gutenberg-Bibel oder die Horaz-Ausgabe mit Annotationen Martin Luthers anzusehen. Wer keine Lust auf Bücher hatte, besuchte einen der Kunstpavillons oder genoss einfach die Sonne und Wärme in den wunderbaren weitläufigen Gartenanlagen und beobachtete die um die Blüten schwirrenden Kolibris. 

Der Nachmittag war zwei Privatbibliotheken vorbehalten. Aufgeteilt in zwei Gruppen, fielen fünfzig Antiquare im Wechsel in die Privathäuser der Sammler ein, die dann doch ob der Menge erschraken, aber äußerst freundlich, begeistert und begeisternd ihre Sammlungen und einzelne Stücke zeigten und erläuterten. Insbesondere die Sammlung zur Geistes- und Wissenschaftsgeschichte der Menschheit, erst in den letzten zehn Jahren zusammengetragen, war ausgesprochen beeindruckend: hervorragende Zustände, besondere Provenienzen, kurzum eine erlesene Sammlung.

Der Dienstag begann mit einer optionalen Besichtigung (Start um 7:45 Uhr) des Gamble Houses, einem Beispiel für die amerikanische Arts and Crafts Bewegung und war danach einem Besuch der William Andrews Clark Memorial Library, auch einer ehemals privaten, heute zur University of California gehörenden Bibliothek, und am Nachmittag des Getty-Centers vorbehalten. Die Clark Library ist im Besitz der weltweit größten Oscar Wilde-Sammlung und einer Reihe weiterer hochkarätiger Titel der Literaturgeschichte. Auch hier war ein schöner Garten drumherum, in dem die Mittagspause verbracht wurde, bevor wir zum imposanten Getty-Center aufbrachen. Schon die Ankunft: Parkhaus, Aufgang zu einer Standseilbahn und Auffahrt mit dieser, lassen Großes ahnen. Ein riesiger Gebäudekomplex mit Ausstellungsräumen, Auditorium, Bibliothek, Research Center usw. Leider war die Zeit zu kurz um alles sehen zu können. Es wurden Vorträge bzw. Führungen zu den Manuskripten (leider nur für 15 Teilnehmer), ausgewählten letzten Erwerbungen der Bibliothek, zu Fotografien, durch die Kunstsammlung, sowie der aktuellen Ausstellung zu Harald Szeemann angeboten. Mehr als zwei waren in Anbetracht des Zeitmangels  nicht möglich, so dass jeder die Qual der Wahl hatte und anschließend dachte: Hier muss ich noch einmal hin!

Am Mittwoch fuhren uns die Busse nach Beverly Hills zur Besichtigung der Bibliothek der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, bekannt durch die Oscar Verleihungen und zum Petersen Automotive Museum. Hier konnten neben Büchern auch zahlreiche, teils durch Filmaufnahmen bekannte Automobile bestaunt werden. Leider sind uns außer den technischen Stars keine weiteren über den Weg gelaufen – bzw. haben wir sie vermutlich einfach nicht erkannt.

Am Abend hieß es schon wieder Abschied nehmen, sofern man nicht an der am Freitag folgenden Messe teilnahm. Jennifer und Brad hatten eine flott aufspielende Swingband eingeladen, die zahlreiche Kongressteilnehmer aufs Parkett lockte, so dass dieser letzte Abend viel zu schnell verging. Oder doch nicht? Die Organisatoren hatten, um den Antiquaren die Möglichkeit eines kleinen Rückzugsraumes für Gespräche in angenehmer und ruhiger Atmosphäre zu bieten, die President’s-Suite des Hotels für die gesamte Dauer des Kongresses angemietet. Diese verfügte u.a. über einen großen Balkon mit Blick auf die Lichter Pasadenas, so dass jeder der einmal oben (10. Stock) angelangt war eigentlich nicht mehr weg wollte und die Nacht zum Tag machte. Schon nach zwei Tagen war nur noch die Rede von der »Dangerous President’s-Suite«. Die neue ILAB-Präsidentin Sally Burdon meinte, sie würde jeden Abend, wie so viele andere auch, magisch in deren Bann gezogen.

Auch in Kalifornien hat sich wieder gezeigt, ein ILAB-Kongress bietet nicht nur viel Buch und Kultur, sondern die einmalige Möglichkeit mit Kollegen aus aller Welt ins Gespräch zu kommen, neue Kontakte zu knüpfen und den eigenen Horizont wieder etwas zu erweitern.

Übrigens, der nächste Kongress wird im September 2020 in Amsterdam und Umgebung stattfinden. Ich freue mich heute schon darauf.

(Sibylle Wieduwilt)


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