12.12.2018
Kategorie: Kataloge und Bücher

Was ein Gästebuch verraten kann

Soeben erschien Librairie Au Pont de l’Europe. Die erste Exilbuchhandlung in Paris von Inge Thöns und Herbert Blank – unbedingt lesenswert!


Auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse Ende Januar 1999, genau vor zwanzig Jahren also, erwarb der Stuttgarter Antiquar Herbert Blank von einem Händlerkollegen das etwas vergilbte, fleckige Gästebuch einer Pariser Buchhandlung, in dem sich zwischen 1933 und Sommer 1938 67 namhafte Schriftsteller, Künstler und andere Besucher verewigt haben, meist nur mit Name und Datum. Denkwürdig ist jedoch schon der erste Eintrag am Tag der Eröffnung. Der französische Unterrichtsminister Anatole de Monzie formulierte folgenden Wunsch (wir zitieren die deutsche Übersetzung): »Zu Ehren der Einweihung der Brücke von Europa, einer Buchhandlung, die zweifellos in mancher Hinsicht der ›Buchhandlung‹ von Montaigne ähnlich sein wird.« Die Eröffnung war am 7. April 1933 und De Monzie wusste genau, was er deutschen Buchhändlern mit auf den Weg gab, wenn er ihnen einen Ort des freien Nachdenkens wie Montaignes Bücherturm zum Vorbild hinstellte.

Dass das Gästebuch nun die Geschichte dieser ersten Exilbuchhandlung und ihrer Besucher offenbart, ist das Verdienst von Inge Thöns, denn sie erhielt es von ihrem Mann Herbert Blank als Geschenk und nahm die Herausforderung an, den verwischten Spuren des Gründers und seiner Unterstützer nachzugehen, ihre Tätigkeit vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedrohung durch die Nazis zu verfolgen und zu fragen, was später mit ihnen geschah. Zwölf Jahre lang bis zu ihrem Tod 2014 recherchierte Inge Thöns und schrieb nichts weniger als eine Biografie der Librairie Au Pont de l’Europe und der Menschen in ihrem Umfeld, ein über 200-seitiges Werk. Ergänzt wurde es nun von Herbert Blank um knappe, fundierte Informationen zu den Persönlichkeiten, die in der Buchhandlung ein und aus gingen – dies waren zunächst die aus Deutschland vertriebenen Literaten: Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Harry Graf Kessler, Annette Kolb, Klaus und Heinrich Mann, Robert Musil, Joseph Roth, Anna Seghers, Ernst Toller, Franz Werfel; der Verleger Kurt Wolff, der Kunsthändler Alfred Flechtheim, der Kunsthistoriker Carl Einstein; aus Musik und Theater Lotte Lenya und Kurt Weill sowie als eine der Letzten Marlene Dietrich, aber genauso bereits die in Frankreich lebenden Autoren Joseph Breitbach und Gertrude Stein, Franzosen wie André Gide und Julien Green oder Reisende wie Christopher Isherwood.

Ein Ort internationaler Begegnungen wurde diese Buchhandlung sicher deshalb, weil es in diesen Zeitläuften eines solchen intellektuellen Refugiums bedurfte und weil ihr Betreiber Ferdinand Ostertag »auf Grund seines demokratischen Verständnisses an der Idee vereinter europäischer Nationen« festhält; der Buchhandlung in diesem politischen Chaos den Namen »Brücke Europas« zu geben, ist »weniger Programm, es ist Beschwörung« (so Inge Thöns).
Ostertag stammte aus Glogau an der Oder, war Sohn des Kunst-, Musikalien- und Buchhändlers Georg Ostertag und der jüdischen Käte Rosenthal und hatte nach diversen Rückschlägen immer wieder einen Neuanfang gewagt, so eben wieder »als Flüchtling vor dem Exodus« 1931 in Paris. Durch Verbindungen war er an die renommierte Galeristin Marie Cuttoli geraten, die ihm ihre Ausstellungsräume im Erdgeschoss der Rue Vignon Nummer 17 in der Nähe der Madeleine zur Verfügung stellt, ein Glücksfall, weil die Adresse bekannt war und zentral lag. Unterstützt wurde er zudem von vier Teilhabern, darunter seinen aktiven buchhändlerischen Geschäftspartnern Otto Wittenborn und Adolphe Klapholz.
Um die größte Auswahl deutscher Bücher mit Neuerscheinungen aller Gebiete und Richtungen vorrätig zu haben, bedurfte es nicht geringen bürokratischen Aufwands, den Inge Thöns ebenso minutiös schildert wie die Möglichkeiten von Hilfsangeboten für die Flüchtlinge, die ab März 1933 in Paris eintreffen. Sie zeichnet auch die Schicksale der Buchhändler nach: Wittenborn geht 1935 nach New York, Ostertag und Klapholz werden im September 1939 erstmals interniert, 1941 transportiert die Gestapo den größeren Buchbestand ab und Ostertag gelingt die Ausreise nach New York, wo er 1963 stirbt; Klapholz war 1944 in Auschwitz ermordet worden.

Welch ein Glücksfall, dieses Gästebuch zu finden, und welch ein Verdienst, aus den kargen Informationen ein Buch zu schaffen, das der Geschichte der Emigration und des Buchhandels aufschlussreiche Aspekte hinzufügt. Dank und Lob an Inge Thöns (postum) und Herbert Blank.

Inge Thöns und Herbert Blank, Librairie Au Pont de l’Europe. Die erste Exilbuchhandlung in Paris. Wallstein Verlag, Göttingen 2018. 376 Seiten, 39 Euro
(Die Besprechung von Irene Ferchl erscheint auch im Literaturblatt für Baden-Württemberg 1/2019)


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