30.01.2019
Kategorie: Veranstaltungen, VdA

Zufrieden, sehr zufrieden, immer zufrieden

Resümee der 58. Stuttgarter Antiquariatsmesse


»Der Freitag war richtig toll« sagt Kerstin Seidel, »das war nicht unbedingt vorhersehbar». Zufrieden bis sehr zufrieden äußert sich das Gros der Aussteller, darunter Peter Bichsel aus Zürich, der zum ersten Mal in Stuttgart dabei war und sich die Teilnahme im nächsten Jahr vorstellen kann. Manche, darunter Schmitz aus Köln und Junk aus Amsterdam, strahlen: Sie seien eigentlich immer zufrieden. Andere loben die vielen treuen Kunden, die jedes Mal aus dem Ausland nach Stuttgart reisen oder immer aus Stadt und Region kommen, und schätzen die intensiven Gespräche, gerade auch den Austausch unter den Kollegen.
71 Aussteller waren es diesmal, sieben mehr als 2018, eine Steigerung, die ebenso erfreulich ist wie die stabilen Besucherzahlen.
Eine besonders lebendige, angeregte Stimmung bemerkten viele natürlich am ersten Messetag, doch auch am Wochenende war es keineswegs ruhig, da wird freilich mehr flaniert und geschaut. Dass es sich lohnt, als Antiquar Eintrittskarten zu verteilen, bestätigt Karl Klittich: Er habe 300 Karten an seine Kunden geschickt, von denen die Hälfte gekommen sei.

Weit gefächertes Angebot
Gelobt wurde die erstmalige Möglichkeit, eine zweite Doppelseite im Messekatalog zu belegen, dessen Umfang auch deshalb mit 216 Seiten deutlich größer war als in den Vorjahren.
Als attraktiv und interessant wurden von BesucherInnen und Pressevertretern wahrgenommen, dass Günter Linke sich anlässlich des Jubiläums auf das Thema Bauhaus konzentrierte oder Thomas Hatry unter dem Motto »Dem lebendigen G.« auf Stefan George; eine Entdeckung waren die Stammbücher und Freundschaftsalben bei Eberhard Köstler und Elvira Tasbach. Und den Gipfel des Kilimandscharo aus dem Nachlass-Konvolut des Forschers  Hans Meyer bestaunten natürlich viele …
Dass nicht alles (gleich) in Stuttgart verkauft wird, ist selbstverständlich und die Hoffnung sicher berechtigt, das eine oder andere Objekt demnächst an den Mann oder die Frau zu bringen. Trotzdem ist es immer eine Freude, die stolzen Besitzer mit ihrer neuen Erwerbung zu erleben – sichtbar an den neuen, ökologischen Papiertüten und strahlenden Gesichtern.

Spannende Verlosungen
Es sind immer zwischen 20 und 25 Objekte, die auf der Wunschliste gleich mehrerer Käufer – teils aus Bibliotheken, teils Privatsammler – stehen und auf die gelost wird. Mehr als ein Dutzend Interessenten hatten sich am Stand von Peter Bichsel eingefunden, die Sigmund Freuds »Psychoanalytische Studien« erwerben wollten; begehrt waren »Oekonomische Beyträge zur Beförderung des bürgerlichen Wohlstandes« von Friedrich Schillers Vater Kaspar (bei Trauzettel), die französische Erstausgabe der »Räuber« (bei Fons Blavus), Ida Pfeiffers »Zweite Weltreise« (bei Inge Utzt), Goethes »Tasso« im Druck der Janus-Presse und die Urfassung von Chamissos »Peter Schlemiel« (bei Tusculum). Wie weit gestreut die Interessen von Sammlern sind, zeigt der Ansturm auf zum Beispiel: das »Distilierbuch« von Hieronymus Brunschwig (bei Neidhardt), ein Nadelbuch (bei Elvira Tasbach), »Hokus-Pokeria, Oder die Verfälschung der Waaren« (bei Hohmann), die Essays von Henry van de Velde (beim Antiquariaat Die Schmiede) oder die astrologische Arbeit des Avinus (bei Franz Siegle). An den Ständen von Müller & Gräff und Voerster wurde auf mehreres gelost, darunter auf seltene Ausgaben von Jane Austen, Stefan George und einen Brief von Hegel aus seiner Heidelberger Zeit.

Brasilien – Ausstellung und Abendveranstaltung
Auf die Ausstellung zum Thema der »Auswanderung nach Brasilien im 19. Jahrhundert« hatten sich viele schon lange gefreut, sind die Bücher im Besitz der Robert Bosch GmbH doch der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich. Die Hamburger Antiquarin Susanne Koppel, die diese mit über tausend Titeln umfangreiche und hochkarätige Bibliothek seit Jahrzehnten betreut, hatte die Idee, eine Spezialsammlung zur Auswanderung mit 70 Exponaten zu zeigen und darüber hinaus bibliografisch zu beschreiben. Parallel zur Vitrinenausstellung lag das druckfrische Handbuch 2019/2020 mit dem über 80-seitigen Katalogteil vor, beides von Susanne Koppel zusammen mit Dr. Birgit Kirschstein-Gamber sorgfältigst bearbeitet.
Zudem konnte die großformatige Arbeit »Tristes tropicos 5« der in Stuttgart lebenden deutsch-brasilianischen Künstlerin Cristina Barroso, die den Umschlag des Handbuchs ziert, ausgestellt werden, und die Vernissage mit temperamentvoller musikalischer Begleitung durch Cristina Marques und ihre Tochter stattfinden. Den fachkundigen Vortrag über die Auswanderung aus dem deutschen Südwesten und die neue Heimat Brasilien hielt der Historiker und Volkskundler Roland Paul im Anschluss an die Grußworte von Sibylle Wieduwilt und Dr. Sabine Lutz von der Robert Bosch GmbH. 140 Gäste waren der Einladung gefolgt, mehr Stühle hätten nicht mehr in den Glastrakt gepasst.

Gefragte Rundgänge
Schier untröstlich waren die Dozenten von der Hochschule der Medien, dass ihre Studierenden wegen eines Blockseminars und anstehender Prüfungen nicht, wie seit vielen Jahren guter Brauch, am Samstag auf die Messe kommen konnten. Stattdessen begrüßten wir zwanzig junge Leute vom Studiengang Papierrestaurierung an der Stuttgarter Kunstakademie mit ihrer Professorin Irene Brückle, die sich äußerst interessiert und kenntnisreich nach Papier- und Einbandarten, Drucktechniken und Konservierungsfragen erkundigten.
Bereits am Freitagabend hatte sich eine kleinere Gruppe von Rotariern eingefunden, während aus den beiden, wie immer von Inge Utzt angekündigten öffentlichen Führungen am Samstag- und Sonntagnachmittag insgesamt vier mit jeweils um die 25 Personen wurden. Diese rund einstündigen Rundgänge lösen bei den TeilnehmerInnen immer große Begeisterung aus, denn sie erfahren dabei spannende Details über einzelne Objekte oder Genres, über Künstler oder Kunstrichtungen. 20 Ausstellerinnen und Aussteller hatten sich zu Präsentationen an ihren Ständen bereit erklärt – und es scheint auch ihnen Spaß gemacht zu haben, über das Laternenfest am Bauhaus oder Freundschaftsalben, japanische Farbholzschnitte oder Almanache, die Metamorphose der Schmetterlinge oder den Gipfel des Kilimandscharo zu plaudern. Dass sich der eine oder andere Besucher anschließend noch einmal und sogar mit Kaufinteresse sehen ließ, dürfte die Aussteller erfreut haben.
Ulrike Grießmayr, bereits zum zweiten Mal dabei, und Hannah Loibl präsentierten die Handwerkskünste handgefertigter Buntpapiere, beziehungsweise das Restaurieren alter Bücher – beide Stände wurden stark frequentiert und oft gefragt, ob die Vorführungen auch im kommenden Jahr wieder zu erleben sein würden. Sie sind wirklich eine Bereicherung.

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Stimmen von Außen gibt es im → Pressespiegel, visuelle Eindrücke auf der Seite → »Messefotos aktuell« oder nachzusehen in den Videos auf Facebook, dort gibt es auch den Vorabend-Vortrag von Inge Utzt über reisende Frauen.
Ansonsten freuen sich alle auf die 59. Stuttgarter Antiquariatsmesse am letzten Januarwochenende 2020.


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59. Stuttgarter Antiquariatsmesse
24. bis 26. Januar 2020
Kunstgebäude am Schlossplatz

www.stuttgarter-antiquariatsmesse.de

 

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