21.08.2019
Kategorie: VdA

Kaufmann ist eine Kunstform wie Musik

Herbert Blank hat seinen 90. Geburtstag gefeiert und bereitet derzeit Katalog und Standangebot für die Antiquariatsmesse 2020 vor – seine 50. Messe


Seine Kataloge, vor allem drei davon, sind legendär, und sie stehen auch bei Leuten im Regal, die eigentlich keine Sammler antiquarischer Werke sind: der Katalog 34 von 1988: »Gruppe 47. Erstausgaben, Sammelbände, Zeitschriften«, der Katalog 52 von 2001 mit dem fast barocken Titel: »In Kafkas Bibliothek. Werke der Weltliteratur und Geschichte in der Edition, wie sie Kafka besaß oder kannte, kommentiert mit Zitaten aus seinen Briefen und Tagebüchern« sowie der Katalog 56 von 2006: »In Walter Benjamins Bibliothek. Gelesene, zitierte, rezensierte Bücher in der Edition, in der sie Benjamin kannte und nutzte«. Von diesem letztgenannten erschien damals nur der 1. Teil mit 1243 Nummern, die beiden weiteren geplanten existieren nur als Bibliografie auf Karteikarten, denn Blank war mit dessen Verkaufserfolg nicht zufrieden – obwohl damals eine Menge von Rezensionen und Berichten erschienen ist.
Nachdem er am 20. Juni seinen 90. Geburtstag gesund und geistig beweglich wie eh und je feiern konnte, bereitet er in diesen Sommerwochen den Katalog zur nächsten Stuttgarter Antiquariatsmesse im Januar 2020 vor, wie in den vergangenen Jahren mit einem Umfang von um die 30 Seiten, diesmal einem Schwerpunkt zum Jubiläumsjahr von Friedrich Hölderlin und Paul Celan unter dem schönen Satz von Brentano als geheimes Motto: »Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines Herzens«. Diesen Satz hatte Celan sich als letzten Satz angestrichen, bevor er aus dem Haus und in die Seine ging.
Gemünzt auf Hölderlin, mit dem Celan sich zuletzt nochmal intensiv beschäftigte, passt er doch auf beide Dichter. Ein dritter Schwerpunkt kreist um den »kleinen Prinzen«.


Ich habe immer Gl
ück gehabt
Geboren wurde Herbert Blank 1929 am Humboldtplatz in Nürnberg und wuchs bei der Großmutter mit zwei Schwestern der Mutter auf, in einem Haushalt ohne Bücher. Eine der Tanten hat allerdings immer Geschichten für ihn erfunden.
Als Oberschüler war er Statist am Theater, wo er einen, sein weiteres Leben prägenden Menschen kennenlernte, den Bühnenbildner Heinrich Wendel, der später in Stuttgart und an der Rheinoper Düsseldorf arbeitete, und der Anthroposophie nahestand. Wendel erzählte dem jungen Blank von der Kunstgeschichte, von Leonardo und Giorgione.
Ab dem Sommer 1944 arbeitete Blank in einer Druckerei, wo er erstmals seine Fähigkeit bewies, Sachen aufzutreiben, die es eigentlich nicht gab: in diesem Fall eine Schreibmaschine.
Bei einem Bombenangriff auf Nürnberg im Februar 1945 wurde der 15-Jährige beinahe verschüttet. Nach Kriegsende machte er allein sich zu Fuß auf den Weg Richtung Württemberg, erst nach Lorch, wo er als Bäckerlehrling anfing. Eine Empfehlung an die Familie Erich von Houwald, Richter am Oberlandesgericht und kein Nazi, brachte ihn nach Stuttgart, wo man in der Gänsheidestraße gewissermaßen an Sohnes statt aufnahm – die drei Söhne waren im Zweiten Weltkrieg gefallen. Herbert Blank wurde auf die Waldorfschule in der Haussmannstraße geschickt und lernte bei seinem Lehrer Ernst Weißert die Liebe zu Lessing und die klassische Literatur kennen.
Eigentlich war geplant, dass er nach dem Abitur Mathematik und Philosophie (»Ich besaß schon mit 15 eine Weltanschauung«) studieren sollte, er hatte aber bereits begonnen, Bücher zu sammeln und damit zu handeln – vom Erlös seines ersten Geschäfts kaufte er sich einen Motorroller, eine rote Lambretta.
Blank wandte sich dem Verlagsbuchhandel zu, lernte bei Koch, Neff & Oettinger und leitete von 1956 an den Verlag Freies Geistesleben. Von dort wagte er 1965 den Sprung in die Selbstständigkeit als geisteswissenschaftlicher Antiquar.


Der Mythos, auch mal ein Buch von Blank zu besitzen

Seit dieser Zeit, also mittlerweile über ein halbes Jahrhundert, datiert Blanks guter Ruf auf dem Antiquariatsmarkt: Seither hat er rund fünfzig Bibliotheken gekauft und ist berühmt geworden durch seine immer besonders gut erhaltenen, schönen Exemplare – prominente Sammler und Politiker aus aller Welt wurden und werden an Blank verwiesen, wenn es um erlesene Bücher geht.
Eine wesentliche von Blanks Fähigkeiten ist sein immenses Gedächtnis; noch im hohen Alter erzählt er mit Detailkenntnis und Witz von einzelnen Werken, die durch seine Hände gingen, von erstaunlichen Geschäften und, halb stolz, halb amüsiert von dem »Mythos, auch mal ein Buch von Blank zu besitzen«. Dass er sich seine eigenen Bücher nicht leisten könne und gelegentlich im Internet einkauft, ist ein weiteres hübsches Bonmot – so »knitz« und voller Understatement er sich gibt, scheint er beinahe zum Schwaben geworden zu sein … Ein Einzelgänger eher, niemand, der sich an Stammtischen wohlfühlte, anderes als Fritz Eggert, den Blank gleichwohl als besten Kollegen schätzte.
Seit 1971 hat er in jedem Januar einen Stand auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse, bestückt mit Werken der Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts, Erstausgaben oder Widmungsexemplare in schützender Cellophanhülle, Unikate, mit denen sich heutzutage noch handeln lässt.
Ein Ladengeschäft besaß Blank nie, aber bis heute das Haus in Stuttgart-Riedenberg vom Keller bis zum Dach voller Bücher, die er Kennern und Interessenten gern präsentiert.
Hier veranstaltete er in den 1990er Jahren gemeinsam mit seiner Frau Inge Thöns gelegentlich literarische Salons, zu denen er zeitgenössische SchriftstellerInnen von Rang und Namen einlud – ich erinnere mich an eine der letzten Lesungen von Hermann Lenz.
Inge Thöns, die so kluge wie herzliche »Bücherfrau«, Autorin, Herausgeberin, Verlagslektorin, Antiquarin, ist 2014 viel zu früh gestorben und sie fehlt; zu ihrer Erinnerung hat Herbert Blank im letzten Herbst das gemeinsame Buch über die »Librairie Au pont de L’Europe – Die erste Exilbuchhandlung in Paris« veröffentlicht (wir haben es im Dezember 2018 vorgestellt).
Auf spektakuläre Erlebnisse angesprochen, erwähnt Blank den Kafka-Coup, der ihm als »Rekonstruktor der Kafka-Bibliothek« (so nannte ihn damals der Pressetext) durch Vermittlung von Horst Brandstätter gemeinsam mit der Stuttgarter Porsche AG gelang. Der Kafka-Katalog war an jenem denkwürdigen 11. September 2001 erschienen und enthielt 900 Titel, die zwei Monate später von Porsche erworben und der Franz-Kafka-Gesellschaft in Prag übergeben wurden. Für die Autobauer sollte dieses Geschenk ihre Verbundenheit mit Tschechien, wo soeben eine Niederlassung gegründet worden war, dokumentieren, für die Forschungsstelle im Prager Jüdischen Museum ist es heute ein unschätzbarer Besitz, diese zudem gut kommentierte Rekonstruktion der verschollenen Bibliothek Franz Kafkas.
Auch wenn er gern auf diese und andere Erinnerungen zurückgreift, auch mit 90 Jahren lebt Herbert Blank in der Gegenwart: Ein Regal ist bereits mit den Büchern bestückt, die er für die nächste Antiquariatsmesse ausgewählt hat und die Arbeitstische liegen voller Primär- und Sekundärwerke von und über Friedrich Hölderlin und Paul Celan – das Material für den Katalog, den er zu seiner 50. Messe im Januar 2020 mit bibliophilen Sensationen bestücken kann.

 

 

 

 


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59. Stuttgarter Antiquariatsmesse
24. bis 26. Januar 2020
Kunstgebäude am Schlossplatz

www.stuttgarter-antiquariatsmesse.de

 

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