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07.02.2012
Kategorie: Antiquare und Sammler, Literaturtipps

Wenn einer keine Reise tut …. So kann er doch erzählen

Die literarische Fälschung ist so alt wie die Literatur selbst, wie Melissa Katsoulis in ihrem eben erschienen Buch „Telling Tales: A History of Literary Hoaxes“ eindrucksvoll und unterhaltsam darstellt. Oder man gebe „Literary hoax“ bei Google ein. Frank Werner beschreibt die schönsten erfundenen Reisenwerke.


Von Frank Werner

Die literarische Fälschung ist so alt wie die Literatur selbst, wie Melissa Katsoulis in ihrem eben erschienen Buch „Telling Tales: A History of Literary Hoaxes“ eindrucksvoll und unterhaltsam darstellt. Oder man gebe „Literary hoax“ bei Google ein.

Eine Gattung dieser literarischen Fälschungen ist die erdachte Reisebeschreibung. Auch diese ist so alt wie die Literatur selbst, und wahrscheinlich noch viel älter. Denn Seeleute, die eigentlichen Fernreisenden, gelten nicht umsonst als die Hersteller von „Seemannsgarn“. Und wie besser die Zuhausegebliebenen erstaunen und mit Heldenverehrung erfüllen, als mit

Geschichten von Seeungeheuern, sagenhaften Reichen, von Zwergen, Riesen, Kopflosen, Einfüßlern und so weiter? Das war (und ist) bestimmt spannender als Erzählungen von langweiligen Reisen mit schlechtem Essen, harter Arbeit und geringem Heuer!

Die niedergeschriebene erdachte Reisebeschreibung kann man in 3 Unterarten aufteilen:

Erstens in die Utopie, die eigentlich eine rein literarische Form ist, die sich das Medium der Reiseerzählung aneignet, um ihren moralischen Inhalt zu transportieren. Zu dieser Sparte gehört zum Beispiel die Utopia von Thomas Morus, die Mondreise des Cyrano de Bergeac, Swifts Gulliver oder Holbergs Nils Klim. Hier soll niemand getäuscht werden. Kein Leser wird diese Geschichten für bare Münze nehmen, sondern als das, was sie sind: Alternative Realitätsentwürfe, ideale Staatsformen, oder, wie bei Swift, Satire.

Der Abenteuerroman ist die zweite Form der Reisebeschreibungen. Die Ausdruckweise reicht hier von trivial bis literarisch anspruchsvoll. Hier seien nur Namen wie Daniel Defoe, Jules Verne oder Karl May genannt, stellvertretend für viele.

Am spannendsten sind die Reisebeschreibungen, die ernst genommen werden wollen. Sie kommen als Tatsachenbericht daher und werden von den Autoren als solche oft vehement verteidigt. Es gibt natürlich auch hier Grenzfälle, wo der Verfasser Selbsterlebtes mit Erdachtem oder Gehörtem vermischt. Man siehe nur Mandeville!

Das Spannende an dem ganzen Genre ist die Suche nach der Unwahrheit, der Nachweis der Lüge oder der groben Übertreibung. Es ist ein wunderbarer Ableger der Reiseliteratur. Der Komplex der „Fabulierten Reisen“ wäre ein lohnendes Sammelgebiet für Liebhaber ausgefallener Bücher.

Schon in der Antike wurden Texte tradiert, die angeblich tatsächlich stattgefundene Reisen beschreiben. Die Insel eines gewissen Iambulos ist bekannt aus dem Werk von Diodorus von Sizilien. Er berichtet, er sei auf dem Indischen Ozean gen Osten segelnd, zu einer klimatisch idealen und fruchtbaren Insel gelangt. Die Bewohner der Insel hätten eine gespaltene Zunge, so dass sie zwei Gespräche gleichzeitig führen könnten. Über Indien und Persien gelangte Iambulos nach Griechenland zurück. Hatte er Kenntnis von Sri Lanka? Nach seinen Angaben über die Heimreise könnte es diese Insel gewesen sein. Es gibt natürlich weder ein Originalmanuskript noch frühe Ausgaben dieses Fragmentes.

Marco Polo

Als einer der ganz großen Reisenden galt und gilt Marco Polo. Was für eine Geschichte! Im 13. Jahrhundert bricht ein junger venezianischer Händler zu einer Asienreise auf. Er kommt bis nach China, wird von Kublai Khan zum Präfekten ernannt, streift 17 Jahre lang in China umher und kommt schließlich steinreich „Marco Millione“ wieder in Venedig an. Seine letzten Wort sind angeblich: „Ich habe nicht einmal die Hälfte dessen erzählt, was ich gesehen habe.“ Bald schon regten sich Zweifel an der Wahrhaftigkeit seiner Erzählung. Er erwähnt allgegenwärtige Dinge wie Ess-Stäbchen und das Teetrinken nicht, kein Wort über die chinesische Mauer oder das Schießpulver. Dennoch wurde und wird sein Werk immer wieder aufgelegt. Die erste gedruckte Ausgabe seiner Beschreibung erschien 1477 in deutscher Sprache. Zahllose weiter folgten, der Text wurde in alle Kultursprachen übersetzt. Noch immer übt er eine große Faszination aus, obgleich Henze in der Enzyklopädie der Entdecker und Erforscher nach erschöpfenden Quellenstudium zur Einsicht gelangt: „Seine ganze lange Reise indes … ist ein blankes Fabelstück, um es deutlicher zu sagen: der kolossalste Schwindel der globalen Entdeckungsgeschichte“.

Jehan de Mandeville

Etwa hundert Jahre nach Marco Polo soll die Reise von Jehan de Mandeville stattgefunden haben. So nennt sich der Verfasser einer zwischen 1357 und 1371 zusammen gestellten französischsprachigen Schilderung einer Reise ins Heilige Land, den Fernen Osten und das Königreich des Priesterkönigs Johannes. Der Autor ging in Anlehnung an Claudius Ptolemäus und seiner Geographia von einer Kugelgestalt der Erde aus. Es ist möglich, dass der Verfasser selbst Konstantinopel, Palästina und Ägypten bereist hat. Ansonsten hat er zahlreich literarische Werke ausgewertet, um seiner Schrift Inhalt und Glaubwürdigkeit zu geben: Den Alexanderroman, die Artussage, Flavius Josephus „Bellum Judaicum“, Wilhelm von Rubruks „Itinerarium“ und natürlich Marco Polo, um nur einige zu nennen. Das Werk war ein mittelalterlicher Bestseller: Es sind über 200 Handschriften in 10 Sprachen bekannt. Es wurde erstmals 1480 in Lyon gedruckt. Immer wieder aufgelegt, wurde es ein echtes Volksbuch, mit wunderbaren, groben Holzschnitten von Fabelwesen, Monstern und Mirakeln geschmückt. Der Bericht war als authentisch zu lesen geschrieben und wurde so auch aufgenommen. Christopher Columbus z.B. kannte das Werk und legte es der Planung seiner Reise für den westlichen Weg nach Indien zugrunde. „Unter der Flagge eines falschen Namens segelte dann dieses Machwerk durch den Strom von mehreren Jahrhunderten hindurch, von einem sensationssüchtigen Publikum als das erhabene Zeugnis eines kühnen, gewaltigen Geistes angestaunt.“ (A. Bovenschen in: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde 1888).

Um 1450 machte bekanntlich Gutenberg seine Erfindung, die ihm (posthum) den Ehrentitel „Mann des Jahrtausends“ einbrachte. Knapp 50 Jahre später wurde Amerika entdeckt. Ein neues Zeitalter brach an: Die Erde wurde entschleiert und die Berichte der Entdecker und Erforscher wurden „zeitnah“ publiziert. Das Interesse des Lesepublikums an Entdeckungen, Abenteuern, fernen Ländern und fremden Völkern nahm sprunghaft zu. Gleichzeitig wurden Fortschritte in der Seefahrt und der Navigation gemacht – die weite Welt wurde „erfahrbar“.

Ferdinand Mendez Pinto

Einer, der weiter fuhr, als die meisten, war Ferdinand Mendez Pinto. In seinem Reisebericht „Peregrinacao“ 1614 posthum erschienen, wechseln Wahrheit und Erdachtes sich munter ab, in der besten Tradition der Seeleute. Sohn armer Eltern, schiffte er sich 1537 mittellos nach Indien ein und führte während 21 Jahren ein tolles, fährnisreiches Abenteurer-, Händler und Weltmannsleben in den Monsunländern bis nach China und Japan, wo er 1551 mit Franz Xavier zusammentraf. Die Beschreibung seiner Gefangenschaft in Äthiopien und sein mehrfacher Verkauf  klingen unwahrscheinlich /(er sollte angeblich sogar Allah geopfert werden!), ebenso sein Besuch in Peking, wo er als Strafgefangener am Bau der chinesischen Mauer mitgearbeitet haben will. 1545 landete er nachweislich auf der Insel Tanega Shima südlich von Kyushu. 1547 besuchte er Japan eneut. 1548-49 war er in Siam, seine Schilderung der Ereignisse stimmen weitgehend mit siamesischen Quellen überein. 1556-57 war er abermals in Japan. Angeblich führte er die Muskete in Japan ein. Er war sicher nicht der „Entdecker“ dieses Landes, gehörte aber zu den ersten europäischen Besuchern. Sein wunderbares Buch hatte um 1700 bereits 19 Auflagen erlebt und war in 6 Sprachen übersetzt worden. Die erste deutsche Ausgabe erschien 1671 in Amsterdam. Das Werk kommt aber als Geschichtsquelle und ernst zu nehmenden Reisebericht wegen der durchgehenden Zweifel- und Lügenhaftigkeit seiner Angaben nicht in Betracht, wie namentlich Schurhammer in einer Untersuchung (1926) ein für allemal dargetan hat.

El Dorado

Amerika war inzwischen ja entdeckt und wurde von den Spaniern fleißig ausgebeutet. Ungeahnte Goldschätze wurden nach Spanien verschifft, die das Königshaus dort auch dringend für seine immer wieder aufflackernden Kriege in den Niederlanden und anderorts benötigte. Diese Schatzgaleonen waren der Traum jedes Piraten und jedes englischen „Privateers“. Das waren Kaperschiffe, die auf eigene Rechnung aber im Auftrage der Krone fuhren. Zwischen dem aufstrebenden England unter Elisabeth I. (protestantisch) und Spanien (katholisch) herrschte ständig Krieg oder kriegsähnliche Zustände. Außerdem strebte England selbst Kolonien in Amerika an, um direkt an das Gold des „El Dorado“ heranzukommen.

Der ritterliche Seeheld

Auf dieser Bühne erscheint nun ein „ritterlicher Seeheld“: Adelig, ein Poet und Schriftsteller, Soldat, Seemann, Höfling und Spion, außerdem wohl zeitweilig Liebhaber Elisabeths. Ein typischer Elisabethaner: Sir Walter Raleigh. Er unternahm intensive Siedlungsbemühungen an der Ostküste Amerikas, wovon „Virginia“, heute in East Carolina gelegen, Zeugnis ablegt. Außerdem war er überzeugt von der Existenz der sagenhaften Amazonen und des „El Dorado“, des Vergoldeten. Er unternahm mehrere Reisen nach Guyana, die den Spaniern bitter aufstießen. Zwei Mal wurde er auf deren Betreiben im Tower eingekerkert, und schließlich nach seiner zweiten Guyana-Reise wegen der Plünderung der spanischen  Niederlassung San Tomé, und nach einem ungerechten Gerichtsverfahren, 1618 enthauptet. Er war ein kühner und erfahrener Seemann, aber auch ein gewandter Schriftsteller, der nicht davor zurückschreckte, Gerüchte und falsche Behauptungen als Tatsachen auszugeben. Am deutlichsten zeigt sich das in seinem 1596 erschienenen „Discoverie of the Large, Rich and Bewtifull Empire of Guiana, with Relagion of the Grand Golden City of Manoa …”  Obwohl er das Ziel seiner Reise nicht erreichte, gab er doch eine sehr detaillierte Schilderung nicht nach eigener Bobachtungen sondern aufgrund von kursierenden Gerüchten. Der von ihm befahrene Strom wurde später von Orellana „Amazonas“ getauft, nach den Kriegerinnen, die Raleigh dort gesehen haben will. Das Werk wurde unter dem Titel „Wunderbare Beschreibung. Deß Goldreichen Königreichs Guianae in America / oder newen Welt … So newlich .. von dem Wolgebornen Herrn / Herrn VValthero Ralegh / besucht worden …“ 1599 von Hulsius in deutsch aufgelegt.

Taurinus-Schrödter-Damberger

Das 18. Jahrhundert, das Jahrhundert der Aufklärung, brachte große Fortschritte in der Enthüllung der Erde. Mungo Park erreichte den Niger, James Cook bewies, dass es das Terra Australis gar nicht gab, Gmelin, Steller und andere forschten in Sibirien. Und es gab, wie immer, die Reise-Lügner. Bis heute geistert das Dreigestirn Taurinus-Schrödter-Damberger durch die Bücherwelt. Zacharias Taurinus veröffentlichte 1799 seine „Beschreibung einiger See- und Landreisen nach Asien, Afrika und Amerika …“. Ein Handwerker aus Sachsen, Schrödter, schrieb „See- und Landreisen nach Ostindien und Ägypten.“ Und Christian Friedrich Damberger schließlich legte sein Werk „Landreise in das Innere von Afrika vom Vorgebirge der Guten Hoffnung … bis nach Marocco in den Jahren 1781-1797“ vor. Allerdings kamen diese Reisen schon Zeitgenossen recht seltsam vor. Ein literarisches Detektivspiel begann. Man fand zwar einen Druckergesellen namens Taurinius, aber der wollte es nicht gewesen sein. Schließlich stellte sich durch Schriftvergleiche heraus, dass der Verfasser ein gewisser Magister Junge war, der in Wittenberg als Antiquar arbeitete. Alle drei Bücher wurden trotzdem in Englische und Französische übersetzt. Die „Landreise …“ wurde sogar in den 30ger Jahren nochmals ohne Hinweis auf ihren fiktiven Charakter aufgelegt. Im Vorwort wird die kühne Tat eines einfachen Mannes, gefeiert, der, mit deutschen Tugenden ausgestattet, schafft, was keiner englischen oder französischen Expedition gelungen ist.

Mungo Parks zweite Reise übrigens, bei der er ja den Tod fand, machte sich ein cleverer deutscher Verleger zunutze. Noch bevor Einzelheiten bekannt wurden, gab er das Werk „Mungo Parks neueste und letzte Reise ins Innere von Afrika ….herausgegeben von Harry Wilkens“ heraus. Der unbekannte Verfasser nutzte dabei das kurz zuvor erschienene Reisewerk von Bruce.

George Psalmanazar

Ein weiterer begabter Schwindler dieses interessanten Jahrhunderts war ein gewisser George Psalmanazar. Er hatte europäische Gesichtszüge, behauptete jedoch von der fernen Insel Formosa zu stammen, lebte nach deren fremdartigem Kalender und betete Sonne und Mond an. Er sprach vor der Royal Society, betrachtete Samuel Johnson als einen Freund und wurde an das Oxford College berufen. Im Jahre 1704 veröffentlichte er das Werk „An Historical and Geographical Description of Formosa. … Giving an account of the Religion, Customs, Manner etc. of its Inhabitants.“ Er erfand auch seine Muttersprache mitsamt Alphabet, welches auf einer der Tafeln zu sehen ist. Das Werk war recht erfolgreich. Es gab davon zwei englische Auflagen, eine französischen und deutsche Übersetzung folgten. Es kamen aber Zweifel auf, und Psalmanazar verstrickte sich in Widersprüche, bis er schließlich 1706 die Täuschung zugab. Es stellte sich heraus, dass er von einem Armee-Kaplan namens Innes angestiftet worden war, der von der angebliche Konvertierung und Taufe des Heidenkindes profitieren wollte. Innes gab ihm auch den Namen Psalmanazar, in Anlehnung an den biblischen Assyrer-König Shalmaneser. Der „Formosaner“ blieb in London, studierte Theologie und gab mehrere Bücher heraus. Posthum erschien sein „Memoirs of  ***, Commonly Known by the Name of George Psalmanazar; a Reputed Native of Formosa”. Leider vergaß er, seinen Geburtsnamen zu überliefern.

Cook hatte den Beginn gemacht: Ozeanien wurde erforscht und kartographiert. In Asien begann Sven Hedin damit, diesen ungeheueren Kontinent zu durchreisen. Die ersten Versuche, die Pole zu erreichen, scheiterten. Und immer noch lockte der dunkle Kontinent. Ein gewisser Douville gab 1832 die„Voyage au Congo et dans l’interieur de l’Afrique“ mitsamt einem Atlas heraus. Sein Werk ist jedoch teils Phantasie- teils Kompilationsprodukt aus älteren Berichten. Das Werk ist trotz seiner Lügenhaftigkeit als Kompilation nicht uninteressant und wirf auch ein bezeichnendes Licht auf die Afrikabegeisterung jener Zeit.

Der große Farini

Und dann gab es noch den Herrn Gilarmi Antonio Farini „The Great Farini“, mit bürgerlichen Namen William Leonhard Hunt. Er war ein kanadischer Hochseilartist, Erfinder und Kalahari-Durchquerer. Als Seiltänzer gelangte er zu Berühmtheit, als er mehrfach auf dem Hochseil die Niagara-Fälle überquerte, wobei er einmal sogar auf halber Strecke ein Spiegelei briet. 1886 erschien in London sein Werk „ Through the Kalahari Desert. Narrative of a journey with gun, camera, and note-book to Lake N’Gami and back.” Das Werk enthält in einem Anhang sogar Angaben zur Flora, Fauna und Geologie dieser Wüste. Außerdem will er die sagenhafte „Verlorene Stadt der Kalahari“ gefunden haben. Seine Reise war jedoch größtenteils einen dreiste „Mystifikation“, wie H. Schinz eindeutig nachgewiesen hat.

„Byrd and I never got to the North Pole“

Man sollte meinen, dass die moderne Technik, die Eisenbahn, das Auto, das Luftschiff und später das Flugzeug, sowie die Photographie und die Fortschritte in der Vermessungstechnik das Schwindeln immer schwieriger machen würden, da ja praktisch alles nachprüfbar geworden war. Aber weit gefehlt: Richard E. Byrd, der später in der Antarktis Meriten sammelte, hat wohl seinen „ersten“ Flug über den Nordpol nie absolviert. Sein Mitflieger Floyd Bennett sagte später: „Byrd and I never got to the North Pole“. Bleiben wir bei dem Nordpol. Gleich zwei Amerikaner beanspruchten zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Ruhm, als Erste am Nordpol gewesen zu sein: Robert E. Peary und Frederick Cook. Peary absolvierte mehrere Grönlandexpeditionen, von denen er Elfenbein und Pelze mitbrachte, aber auch einen großen, den Inuit gestohlenen Meteoriten und sogar 6 lebende Eskimo, die wie Haustiere gehalten wurden, um anthropologische Untersuchungen an ihnen durchzuführen. Auch hatte er mehrere Kinder mit Inuitfrauen. Er machte mehrere Versuche, den Pol zu erreichen und will es 1908 auch geschafft haben. Allerdings schickte er alle Begleiter, die wissenschaftlich gebildet waren, einige Tage vor Erreichen des Ziels zurück. 4 Eskimo und sein schwarzer Diener Henderson waren dabei, als er in unglaublichen Tagesetappen (über 70 km täglich) den Pol erreichte. Er, der sonst jede Kleinigkeit notierte, ließ die entsprechenden Seiten seines Tagebuches leer, es finden sich nur lose eingelegte Zettel „The pole at last“. Zweifel an seiner Leistung ließ er nicht zu, er wurde von Theodore Roosevelt und der einflussreichen National Geographical Society unterstützt. Die Zweifel allerdings mehrten sich, und heute gilt es als nachgewiesen, dass er ein Aufschneider war.

Ein Jahr vor ihm, 1908, will der Arzt Fredrick Cook schon am Pol gewesen sein. Im Jahr zuvor hatte er angeblich als erster den Mount McKinley bestiegen, was sich ebenfalls als Schwindel herausstellte. Cook hat tatsächlich eine Reise um die Arktis gemacht, begleitet von zwei Eskimo. Aber den Pol kann er niemals erreicht haben, denn dafür war die Ausrüstung und der Proviant völlig unzureichend. Das hinderte ihn aber nicht daran, Peary vorzuwerfen, er habe seine (Cooks) Proviantlager geplündert. Die beiden kühnen Polarfahrer gaben Bücher heraus, die jeweils ihre Sicht der Dinge wiedergaben. Auch ließen sie keine Gelegenheit aus, die „Polkontroverse“ in Wort und Schrift auszufechten. Cook wurde schon 1910 der Lüge überführt, Pearys Ruhm bröckelte bald gewaltig. Der erste Mensch, der nachweislich zum Pol gelaufen ist, war der große Polarforscher Wally Herbert, im Jahre 1969.

Es gäbe noch über so manchen interessanten und kuriosen Fall der Aufschneiderei zu berichten, aber das würde ins Uferlose führen.

Wie gesagt, ein spannendes und unterhaltsames Sammelgebiet. Wichtig für den beginnenden Sammler ist natürlich eine kleine Handbibliothek, mit welcher er Angaben von Reisenden überprüfen kann, und der er auch die Titel von zu erwerbenden Büchern entnehmen kann.

Hier eine Auswahl:

Pleticha, Heinrich. Die Fahrt nach Nirgendwo. Erdmann 2003.

Adams, Peary G. Travellers and Travel Liars 1660-1800.

Von Atlantid bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur. Christian Verlag 1981.

Henze, Dietmar. Enzykopädie der Entdecker und Erforscher der Erde. Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1978 – 2004.

Howgego, Raymond John. Encyclopedia of Exploration. Hordern House 2003 – 2008.

Einige bibliographische Angaben zu den im Text genannten Werke in Reihenfolge der Erwähnung:

Polo, Marco. Hie hebt sich an das puch des edeln Ritters vn landtfarers / Marcho polo. In dem er schreibt die grossen wunderlichen / ding dieser welt. Nürnberg, Creuszner, 1477. Mit 1 Porträt-Frontispiz. 58 nicht nummerierte Blatt. – Erste gedruckte Ausgabe! Ein Rarissimum!

Mandeville oder Maundeville, John. Le Liure appelle Mandeuille. [Lyon] 1480. 88 Blatt. – Erste Ausgabe, gedruckt im Februar des Jahres, im April folgte bereits die 2. Auflage. Der Drucker ist unbekannt. Erste deutsche Ausgabe: Hie hebt sich an das buch des ritters her hannsen von Montevilla. Augsburg, Sorg, 1482. 91 Blatt. Mit Holzschnitten.

Pinto, Fernao Mendes. Peregrinacao … em que da conta de muytas y muyto estranhas cousas … Lisboa, Pedro Craesbeeck, 1614. 303 Blatt. Erste deutsche Ausgabe: Wunderliche und merkwürdige Reisen Fb. M. Pinto’s … Amsterdam, Boom 1671. 392 S., 11 Kupfer.

Raleigh, Walter. Discoverie of the Large, Rich and Bewtifull Empire of Guiana, with Relagion of the Grand Golden City of Manoa … London, Robinson, 1596. 112 Seiten.  Erste deutsche Ausgabe: Wunderbare Beschreibung. Deß Goldreichen Königreichs Guianae in America / oder newen Welt … So newlich .. von dem Wolgebornen Herrn / Herrn VValthero Ralegh / besucht worden … Nürnberg, Hulsius, 1599.  Mit 7 Tafeln.

Damberger, Christian Friedrich. Landreise in das Innere von Afrika vom Vorgebirge der Guten Hoffnung … bis nach Marocco in den Jahren 1781-1797. Leipzig, Martini, 1802. 2 Bände. Mit 3 Tafeln und 1 Karte.

Schrödter, Josef. See- und Landreisen nach Ostindien und Ägypten. Leipzig 1800.

Taurinius, Zacharias. Beschreibung einiger See- und Landreisen nach Asien, Afrika u. Amerika … Leipzig, Jacobäer, 1799-1801. 1022 S.

Mungo Parks neueste und letzte Reise ins Innere von Afrika nebst dem Tode dieses merkwürdigen Reisenden aus seinem Tagebuche und den Relaziones seiner übrig gebliebenen Gefährten niedergelegt bei der Afrikanischen Gesellschaft zu London und herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Harry Wilkens. Hamburg, Müller, 1807. 384 S.

Psalmanazar, George. An Historical and Geographical Description of Formosa. An Island subject to the Emperor of Japan. London, Brown, 1704. 131 S. Mit Frontispiz und 15 Tafeln.

Erste deutsche Ausgabe: Herrn Georg Psalmanazaars eines gebohrnen Formosaners Historische und Geographische Beschreibung der Insul Formosa. Frankfurt und Leipzig, Walder, 1716. 561 S. Mit 17 Kupfern und 1 Karte.

Douville, Jean-Baptiste. Voyage au Congo et dans l’interieur de l’Afrique Equinoxiale. Paris, Renouard, 1832. 3 Bände und Atlas mit 20 Tafeln und 1 Karte. Das Werk wurde nicht übersetzt.

Farini, Gilarmi Antonio (=William Leonhard Hunt). Through the Kalahari Desert. Narrative of a journey with gun, camera, and note-book to Lake N’Gami and back. New York, Scribner and Welford, 1886.475 S. Mit zahlreichen Abbildungen und Tafeln. Deutsche Erstausgabe: Durch die Kalahari-Wüste. Leipzig, Brockhaus, 1886. 472 S. Zahlreiche Abbildungen.

Byrd, Richard E. Skyward. New York und London, 1928. 348 S. Reich illustriert. Es gibt eine auf 500 Exemplare limitierte, signierte Auflage, in die ein Stück des Bezugstoffes des Flugzeuges einmontiert ist. Deutsche Übersetzung: Himmelwärts. Leipzig, Brockhaus, 1929. 159 S. Illustriert.

Peary, Robert E. The North Pole. The discovery in 1909 under the auspices of the Peary Arctic Club. New York, Stokes, 1910. 373 S. Reich, auch farbig illustriert. Es gibt eine auf 500 Exemplare limitierte, signierte De-Luxe-Ausgabe. Deutsche Erstausgabe: Die Entdeckung des Nordpols. Berlin, Süsserott, 1910. 372 S. Reich illustriert.

Cook, Frederick. My Attainment of the Pole. … With the final summary of the Polar Controversy. New York, The Polar Publishing Co., 1911. 604 S. Illustriert. Erste deutsche Ausgabe: Meine Eroberung des Nordpols. Hamburg und Berlin, Janssen, 1912. 540 S. Illustriert.

Abgedruckt in Katalog 205 des Brockhaus/Antiquariums: „Wenn einer eine Reise tut“.


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