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Nachlässe bedeutender Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft, Bücher und Autographen
Luther, Martin, Theologe und Reformator (1483-1546). Eigenh. Brief mit U. Nürnberg, S. Francisci [d. i. 4. X.] 1518. 1 S. Folio.
Der früheste jemals in den Handel gelangte Brief Martin Luthers; zugleich das seit dem 1911 bei Boerner versteigerten Brief an Kaiser Karl V. (102000 Goldmark, entspr. ca. 530000,-; mittlerweile Besitz Lutherhaus Wittenberg) fraglos bedeutendste Schreiben des Reformators in Privatbesitz. Eben am Tag seiner Abreise zum Augsburger Reichstag, wo er, bei der römischen Kurie als Ketzer angeklagt, vom Dominikaner Thomas Cajetan verhört werden sollte, verfasste Luther sein nun hier vorliegendes, "als Testament formuliertes Bekenntnis, das er nach Wittenberg schickte [...] Luther ist in der Überzeugung nach Augsburg gefahren, bei Verweigerung des Widerrufs den Märtyrertod zu erleiden [...] Der Weg nach Augsburg ist ihm eine Fahrt ins Gewisse. Er weiß: Es ist vorbei" (Oberman). Unmittelbar nach diesem Abschiedsbrief brach Luther zu Fuß nach Augsburg auf, wo er, erschöpft und magenleidend, am 7. Oktober eintraf; die letzten drei Meilen hatte ein Wagen gemietet werden müssen. Zwei Tage lang, vom 12. bis 14. Oktober, verhörte ihn Cajetan durchaus sachlich, "aber die sechs Buchstaben ‘Revoco‘ konnte ich nicht über die Lippen bringen" (zit. n. Oberman): Er weigerte sich, zu widerrufen, wenn er nicht aus der Bibel heraus widerlegt werde. Demgemäß galt Luther als der Ketzerei überführt; der drohenden Verhaftung entzog er sich in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober durch die Flucht, womit für die deutsche Geistesgeschichte die Weichen gestellt waren. - Obwohl Luther, wie er schreibt, von zahlreichen ängstlichen Bekannten vor der Reise gewarnt worden sei, verspricht er hier seinen Wittenberger Freunden Melanchthon, Karlstadt, Amsdorf und Beckmann, standhaft zu bleiben: "Ich habe etliche in bezug auf meine Sache kleinmütige Leute gefunden, die auch anfingen, mich zu versuchen, ich solle nicht nach Augsburg gehen. Aber ich bleibe fest. Es geschehe der Wille des Herrn [...] Auch zu Augsburg, auch mitten unter seinen Feinden herrscht Jesus Christus [...] Es lebe Christus, es sterbe Martin und jeder Sünder, wie geschrieben steht; [...] es werde aber der Gott meines Heils erhöht. Gehabt Euch wohl und beharret standhaft, weil man entweder von den Menschen oder von Gott verworfen werden muß. Aber Gott ist wahrhaftig, der Mensch jedoch ist ein Lügner" (vgl. Luther Deutsch). Im Original umfassen diese hier (nach der Übertragung Kurt Alands) wiedergegebenen Worte, aus denen alle detaillierteren Lutherbiographien zitieren, etwa acht von insgesamt dreiundzwanzig Zeilen des Gesamttextes. Überliefert nur durch einen 1719 gedruckten Auszug, war dieser obige Teil jahrhundertelang der einzig bekannte des nunmehr vollständig vorliegenden Briefes: "Die kürzlich nach mehr als zwei Jahrhunderten wieder aufgefundene [...] Urschrift dieses Lutherbriefes, die [...] in einer Bostoner Dachkammer zutage kam, hat die zuerst von J. K. Seidemann ausgesprochene Vermutung hinsichtlich der Empfänger: ‘An die Wittenberger Freunde (?)‘ bestätigt; denn in den bisher nicht bekannten Eingangsworten redet Luther die Adressaten als ‘optimi viri‘ an; der Kreis der Empfänger im einzelnen ergibt sich aus einem Vergleich mit dem Schluß des Augsburger Lutherbriefes an Karlstadt vom 14. Oktober 1518: ‘zeige diese meine Schrift unsern theologis, dem Amsdorf, dem Philippo, dem Otten [Beckmann] und Andern‘ (Briefe Bd. 1, S. 217, 64 f.)" (Briefe XII, S. 13 f.). "The compiler of [the 1719] collection was interested only to display Luther‘s courage as he started out for the interview with Cajetan and for that reason transcribed merely the beginning and end of the epistle [...] The previously missing portion says that Eck is losing face at Nürnberg and that Link will accompany Luther [...] But now comes something quite new and very puzzling. Luther refers to a work which has just come into his hands by a ‘plus quam paganus lallator.‘ One thinks at once of Eck‘s ‘Obelisci,‘ but Luther knew this work five months earlier. Who then was this ‘lallator?‘" (Bainton). Das Rätsel um diese unbekannte Humanistenschrift konnten auch die Herausgeber der Weimarer Briefausgabe nicht lösen. - Gebräunt; die symmetrischen Braunflecken noch zeitgenössisch entstanden; die Unterschrift etwas flau. Die dreifachen Querfalten zeitgenössisch gebrochen und der Brief dann noch im späteren 16. Jahrhundert mit Siegelwachs auf Papierträger montiert. Aus dem Nachlass des Bostoner Pathologen und Autographensammlers H. Spencer Glidden (St. John‘s Hospital/Tufts School of Medicine, gest. 1978).€Luther, Werke: Briefe XII (Weimar, 1967), Nr. 4214 (S.13ff.). Roland H. Bainton, "Luther and Spalatin letters recovered in Boston", in: Archiv für Reformationsgeschichte 53 (1962), 197. Wilhelm Hammer, Die Melanchthonforschung im Wandel der Jahrhunderte III (1981), S. 644, Nr. A 4007a. Auszugs-weise: Luther, Werke: Briefe I (Weimar, 1930), Nr. 96 (S. 208). Deutsch in: Luther Deutsch. Die Briefe. Hrsg. v. Kurt Aland (1983), S. 44 f. Heiko A. Oberman, -Luther. Mensch zwischen Gott und Teufel (Berlin, 1981), S. 209. Martin Brecht, Martin Luther. Sein Weg zur Reformation; 1483-1521 (Stuttgart, 1981), S. 242.
Preis: 280000,- EUR
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