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Heribert Tenschert (Stand 64 )
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Illuminierte Manuskripte · Schöne und seltene Bücher des 15. bis 20. Jahrhunderts
Ein frühes Werk von Georges Trubert, dem Hofmaler der beiden Renés von Anjou Stundenbuch, Horae BMV für den Gebrauch von Troyes. Lateinische und französische Handschrift auf Pergament, in schwarzer Textura, mit roten Rubriken. Provence oder Lothringen, um 1480/85: Georges Trubert, Meister des Pariser Livre du Cuer und Guillaume Le Roy. Neunzehn ganzseitige Miniaturen, als kleine Gemälde in rechteckigen Kastenrahmungen, illusionistisch vor Bordüren oder Farbgründen. Neunzehn Textanfänge mit großen gemalten Initialen auf farbigen Feldern zu fünf oder vier Zeilen, umgeben von Vollbordüren aus Blumen und Akanthus, teils auf farbigen Gründen. 120 Blatt Pergament; gebunden vorwiegend in Lagen zu acht Blatt Oktav (174 x 122 mm).
Die beteiligten Maler: Zwölf der Miniaturen in diesem Stundenbuch stammen von Georges Trubert, dem Buchmaler des Königs René von Anjou. Trubert war einer der großen Künstler, die dieser von romantischen Sagen umrankte König als Valet de chambre in seinen Dienst aufnahm. Selbst wenn kein Werk für den König erhalten geblieben ist, so taucht der Name Trubert doch häufiger von 1467 bis zum Tod des Königs 1480 in dessen Rechnungsbüchern auf. 1486 erhält Trubert nachweislich noch von Renés Enkel, dem Herzog von der Lorraine René II., Geschenke; von 1491 bis 1499 gehört er dessen Haushalt an. Für den Herzog von der Lorraine hat er 1492-94 verschiedene Handschriften illuminiert, die zur Basis für die Identifizierung seines Stils gehören: ein Brevier (Paris, Bibl. de l‘Arsenal, ms. 601 und Petit Palais, ms. 42) und ein Diurnale (Paris, BN, lat. 10491). Trubert stammt aus Troyes; eine Tätigkeit dort ist aber kaum nachzuweisen. Man trifft ihn jedoch nicht nur in den Ländereien der Anjou, sondern auch in Paris, wohin er in den frühen 1490er Jahren von Bar-le-Duc aus geschickt wurde. Spuren seiner Tätigkeit dort finden sich in einem Stundenbuch der Sammlung Rothschild zu Waddesdon Manor, das auch Bilder der großen Pariser Buchmaler der Zeit um 1490 enthält. In unserem Stundenbuch wirkt Trubert zusammen mit zwei weiteren Malern: Die Darstellungen von Johannes auf Patmos und Lukas sowie die Hirtenverkündigung und die Flucht nach Ägypten sind wohl von einem Maler geschaffen worden, dessen Werk erst neuerdings langsam Konturen bekommt. Sein Hauptwerk ist ein vollständig bebildertes Exemplar des Livre du Cuer d‘amours espris von König René von Anjou, fr. 24399 der Pariser Nationalbibliothek. Wir schließen nicht aus, daß der Maler, der offenbar auch in Diensten der Anjou stand, den Weg in den Norden fand. Komplexer wird die Vorstellung von der Entstehung unseres Stundenbuchs, wenn man die Bilder von Matthäus, Markus und Nikolaus aus diesem Bestand löst; sie wurden von einem Maler ausgeführt, den man vor allem in Lyon antrifft. Vermutlich hat man es hier mit Guillaume Le Roy aus Lyon zu tun, den man früher als den "peintre au nombril" bezeichnete. Ein Stundenbuch mit ganzseitigen Miniaturen von einem der großen französischen Buchmaler des späten 15. Jahrhunderts: Georges Trubert, der offenbar im Umfeld des Königs René im Anjou und der Provence begonnen hat, nach dessen Tod 1480 an den Hof Renés II. von Lothringen nach Bar-le-Duc kam, von seinem Herrn zuweilen nach Paris geschickt wurde, so dass er die große angevinische und provenzalische Tradition mit neuen Anregungen aus der Hauptstadt verbinden konnte. In diesem Stundenbuch für den Gebrauch von Truberts Heimat-Diözese Troyes teilt sich der Meister die Aufgabe mit zwei Illuminatoren: dem provenzalisch geprägten Meister des Pariser Cuer d‘amours espris und Guillaume Le Roy aus Lyon. Deshalb könnte das Buch als ein Auftrag aus Troyes in der großen Bücherstadt Lyon entstanden sein. Ausführliche Beschreibung dieser Handschrift in Leuchtendes Mittelalter, Neue Folge VI, Nr. 11
Preis: 480000,- EUR
Ein signiertes Stundenbuch vom Schreiber Hanskin de Bomalia Stundenbuch, Horae B.M.V. Lateinische Handschrift auf Pergament, in brauner und roter Bastarda. Südniederlande, um 1500: signiert vom Schreiber Hanskin de Bomalia, mit Bildern des niederländischen Talbot-Meisters. Insgesamt 67 Bilder, alle in Vollbordüren mit allen Registern der entwickelten flämischen Randzier - mit Streublumen, Festons, Architekturen, zum Teil belebt, zuweilen in kluger Anspielung auf den Text, einige mit großen Inschriften: Fünf textlose Miniaturen mit Bogenabschluß, auf Doppelseiten aus Bild und Textanfang mit fünfzeiliger Akanthus-Initiale; eine bogenförmige Kopfminiatur in Textspiegelbreite; fünfunddreißig achtzeilige Kleinbilder in modellierten Rahmen; zwei vierzeilige Bild-Initialen; zwölf querrechteckige Monatsbilder und zwölf runde Medaillons mit den Tierkreiszeichen. Ferner Astwerk-Initialen in unterschiedlichen Größen. 224 Blatt Pergament, gebunden vorwiegend in Lagen zu acht Blatt, ohne echte Zäsuren, die Vollbilder auf eingeschalteten Blättern. Klein-Oktav (142 x 98 mm). Gebunden in altem Brokat, über Holzdeckeln. Leder-Buchzeichen mit dem Monogramm E.P.R. sowie dem Motto "In Labore Quies" sowie Exlibris-Radierung von Emmanuel Rodocanachi mit dessen Motto" Otium in Labore". Auktion Rodocanachi, Paris, Drouot, 7.5.1934, lot 52. Rodocanachi (1859-1934) war ein französischer Bibliophile und Historiker, der seine Italien betreffende wissenschaftliche und literarische Bibliothek dem Institut de France vermacht hat.
Der SchreiberDie Namen von professionellen Schreibern sind im Spätmittelalter nördlich der Alpen - im Gegensatz zu Italien - extrem selten; noch seltener sind prächtige Signaturen, wie man sie hier findet. Erstaunlich ist, dass es in der Schreibernotiz heißt, das Ende des Buches sei hiermit erreicht, doch dann folgen die Suffragien. Vermutlich lässt sich daraus schließen, dass der Auftrag nachträglich erweitert wurde und derselbe Schreiber mit derselben Buchmalerwerkstatt die Suffragien nachlieferte. Man ist über den Träger des Namens recht gut informiert: Ein "broeder Jan van Bomale" ist seit 1489 verschiedentlich in der Brügger Illuminatoren-Gilde der heiligen Johannes und Lukas erwähnt: er firmiert zwischen 1492 und 1495 als "Ian Bomale"; in einem Vertrag von 1499 wird er in einer Mischung aus Französisch und Flämisch zum "heer Ian de Bomalia presbitre religieux van Sinte Dominicus ordene". Jan van Bomale war Dominikanermönch; in Brügge hat er gewirkt und war trotz seiner Einbindung in den Orden auch in die Gilde eingeschrieben. Gesichert für ihn sind zwei weitere Handschriften: ein von Bening illuminiertes Stundenbuch im Haager Museum Meermanno-Westreenianum, Ms. 10 E. 3, und ein Prozessionale in der Universitätsbibliothek zu Berkeley, Calif: Ms. O745. Damit wird deutlich, dass er trotz der Zugehörigkeit zu den Illuminatoren von Johannes dem Evangelisten und Lukas in Brügge eher Schreiber als Illuminator war. Zu Herkunft und Stil der Miniaturen: Der Meister des George Talbot, oder auch der flämische Talbot-Meister (in Unterscheidung zu jenem Rouennaiser Künstler, der für den älteren John Talbot, Earl of Shrewsbury, einen Helden aus den Königsdramen Shakespeares, um 1430 gearbeitet hat) wird nach der Oxforder Handschrift MS Gough Liturg. 7 benannt; sie entstand für George Talbot, Earl of Shrewsbury, der 1488 zum Ritter geschlagen wurde und 1541 starb. Den Maler erkennt man rasch an seinen ungewöhnlich schlanken Köpfen, besonders auffällig sind die steilen Stirnen; diese Eigenart führt ihn dazu, bei Passionsszenen der Dornenkrone Christi und bei den Bildern der Klage um den toten Christus den blutigen Spuren der Dornen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Der flämische Talbot-Meister, der in den ersten beiden Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts gearbeitet haben dürfte, ist ein vorzüglicher Landschafter; ihn interessiert immer wieder der Bezug der Figuren zum Hintergrund; das wird hier besonders schön deutlich bei den Felsen, die in den Suffragien die Heiligen hinterfangen. Dabei hat der Künstler einen ganz besonderen Verstand für den Bezug von Text und Bild, der ihn dazu bringt, sich immer wieder aus der Konvention zu lösen. Die Malweise ist lebendig, das Kolorit kraftvoll. Ein bisher unbekanntes Stundenbuch, das unsere Vorstellungen von zwei wichtigen Bereichen der flämischen Buchmalerei entscheidend ergänzt: Es ist das dritte gesicherte Werk des Jan van Bommel oder Bomale, der Dominikanerpater war und trotzdem seit 1489 als Illuminator in der Brügger eingeschrieben war. Als Schreiber hat er dieses Stundenbuch zu dem Moment signiert, an dem der Auftrag, den Buchblock durch eine dichte Folge von Suffragien zu ergänzen, noch ausstand. Die markante und sehr individuelle Schrift mit ihrer ausgesprochen kalligraphischen Qualität zeichnen den Band ebenso aus wie der enorme Bilderreichtum und die schwelgende Pracht der Vollbordüren, die aus dem wunderbaren Manuskript ein Musterbuch der Randzierentwicklung über ein halbes Jahrhundert hin machen. Ausführliche Beschreibung dieser Handschrift in Leuchtendes Mittelalter, Neue Folge V, Nr. 25
Preis: 300000,- EUR
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