»Mehr ein Weltteil als eine Stadt«

40. Seminar für Antiquare in Berlin, von 13. bis 16. Mai 2010 - Ein  Rückblick von Gerhard Gruber

Dieses Jahr zog es die Teilnehmer des Seminars für Antiquare an Christi Himmelfahrt nicht nach München, sondern nach Berlin -  Markus Brandis und Stephan Schurr vom Auktionshaus Bassenge hatten sich bereit erklärt, das diesjährige Seminar zu organisieren. In den Bassenge-Geschäftsräumen in einer Gründerzeitvilla im noblen Stadtteil Grunewald wurden wir herzlich begrüßt und mit Informationsmaterial sowohl über Berlin als auch über das Seminar versorgt. Die Organisatoren (und einige Helfer im Hindergrund) haben nicht nur viel Zeit und Liebe in die gesamten Vorbereitungen gesteckt, sie haben sogar ein 52 Seiten umfassendes Begleitheft erstellt, das nach Farben gegliedert die Programmpunkte, kulinarische Empfehlungen, nützliche Hinweise sowie kultur- und literaturhistorische Einsprengsel enthält.

Der Vortragsreigen begann, entsprechend dem Veranstaltungsort, mit einem kulturgeschichtlichen Streifzug durch das Berlin um 1800 von Laurenz Demps, der so, immer wieder durchsetzt mit Gegenwartsbezügen, überaus kenntnisreich und souverän in die Geschichte Preußens einführte. Die anschließende amüsante und zitatenreiche Führung „Geld und Geist im Grunewald“ von Michael Bienert führte uns durch das „Ghetto der Millionäre“  unter anderem zu den Villen von S. Fischer, Vicki Baum, Walther Rathenau und Leopold Ullstein. Hungrig geworden, nicht nur von diesem Rundgang, machten wir uns anschließend auf den Weg zum Gasthaus Renger-Patzsch, in dem das traditionelle Abendessen stattfand.

Freitagmorgen trafen wir uns in der Staatsbibliothek zu einem Vortrag von Everardus Overgaauw über die Handschriften von Dantes „Divina Commedia“, dem Hauptwerk der italienischen Literatur, von dem bereits im Mittelalter über 900 Handschriften auf Papier und Pergament angefertigt wurden. Davon besitzt allein die Staatsbibliothek elf Exemplare (sieben aus der Sammlung Hamilton). Ein Höhepunkt war nicht nur, dass wir einige dieser Raritäten gezeigt bekamen, wir durften sogar darin blättern.

Olaf Hamann, den viele Seminarteilnehmer noch aus der Erwerbungsabteilung kennen, ist nun Leiter der Osteuropa-Abteilung der Staatsbibliothek und referierte über die kriegsbedingt verbrachten Büchersammlungen. Dabei erfuhren wir, dass 1942 drei Millionen Bände an etwa 30 Orte ausgelagert wurden, aber zwischen 1945 und 1947 circa 4-5 Millionen Bände als Reparationsforderungen oder Rückführung von Beutegut der Nationalsozialisten nach Russland verbracht wurden. Bis 1958 erhielt die DDR zwar 1,5 Millionen Kunstwerke und Bücher (aus dem gesamten deutschen Bestand) zurück; der Rest erfordert immer noch viel Spürsinn, mühevolle Kleinarbeit und langwierige Verhandlungen.

Einem anderen Thema, der DDR-Untergrundliteratur, widmete sich Christian Halbrock, als Historiker und Zeitzeuge. Es gelang ihm, kenntnisreich unser Augenmerk auf Veröffentlichungen des Samisdat zu richten, der Verbreitung von im Lande selbst gedruckter gesellschaftskritischer Literatur, die nicht nur historisch bedeutend und wegen ihrer kleinen Auflagen selten, sondern aufgrund ihres unscheinbaren Äußeren auch leicht zu übersehen ist.

Als letzter Programmpunkt des Freitags stand ein Besuch des Bauhaus-Archivs auf dem Plan. Die Kunsthistorikerin Bettina Güldner stellte uns etwas lustlos einige Schätze des Archivs vor, etwa die vermutlich nur in einem Exemplar existierende Ehrengabe „Der Kreis der Freunde des Bauhauses für Herrn Bürgermeister Fritz Hesse in Dessau“, typografisch entworfen von Laszlo Moholy-Nagy und mit signierten Einlegekarten von Albert Einstein, Marc Chagall und weiteren bedeutenden Persönlichkeiten. Anschließend hatten wir Gelegenheit, die gegenwärtige Ausstellung zu erkunden.

War das Wetter bisher nur etwas trüb und zu kalt für die Jahreszeit, so regnete es am Samstag fast ununterbrochen. Wir trafen uns im Deutschen Technikmuseum zu einer Einführung in die Technik des Buchdrucks, die leider vom Niveau her eher für Schulklassen geeignet war. Erst die Führung durch die Papierherstellung erhellte unsere Gemüter, großes Vergnügen bereiteten die daran anschließenden praktischen Übungen im Papierschöpfen. Die über zwei Stunden dauernde Dampferfahrt am Nachmittag unter dem Motto „Spree-Athen, 20 Jahre nach dem Mauerfall“ führte vorbei an der teilweise skurrilen und morbiden Kreuzberger Silhouette, an Zeugnissen einstiger Berliner Pracht und neuen Bausünden, bis hin zu den Prachtbauten der Museumsinsel und des modernen Regierungsviertels. Die an sich spannende Fahrt wurde, trotz charmanter Führerin, durch das schlechte Wetter getrübt, da die Aussicht unter Deck reichlich eingeschränkt war.

Nach einem ausgedehnten Spaziergang vorbei am Nikolaiviertel, den Hackeschen Höfen und der Synagoge gelangten wir anschließend zum Kellerrestaurant des Brecht-Hauses, in dem wir von der Firma Bassenge großzügigerweise zu einem gemütlichen Abendessen eingeladen wurden und so bei leiblichen Genüssen die Erlebnisse der letzten Tage Revue passieren lassen konnten.

Am Sonntagvormittag trafen wir uns noch einmal im Grunewald zu einer gedrängten Vorlesung von Hazel Rosenstrauch, in der sie uns die Entstehungsgeschichte und Hindergründe zu ihrem Buch „Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt“ vortrug und so versuchte, uns die beiden und ihre Beziehung zueinander näher zu bringen.
Den Abschluss bildete der höchst lebendige und mitreißende Vortrag von Alexander Kosenina über die Darstellung authentischer Verbrechen in der Literatur und Kunst seit dem Barock. An Beispielen zeigte er auf, dass Sensationsgier und Geschmacklosigkeit jahrhundertealte Phänomene sind, dass aber in der Aufklärung Schriststeller wie A. G. Meißner Kriminalgeschichten zum Transport aufklärerischen Gedankengutes verwendeten.

Mit diesem rhetorischen Feuerwerk ging ein spannendes und bestens organisiertes Seminar zu Ende, das allen Teilnehmern viel Freude beim gegenseitigen Kennenlernen und kollegialen Gedankenaustausch sowie beim „Vermehren der gewonnenen Einsichten“ bereitet hat.

(Der Bericht erschien in Aus dem Antiquariat NF 8 (2010), Nr. 3/4)

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München liegt an der Wolga

39. Seminar für Antiquare "Buch und Kunst in Osteuropa und Russland" vom 21. Mai bis 24. Mai 2009

2008 waren die Antiquare in Hamburg zu Gast, 2010 werden sie nach Berlin reisen – Zwischenstopp 2009 in München. Das 39. Fortbildungsseminar fand vom 21. bis 24. Mai in der Isarmetropole statt, doch den Seminarteilnehmern musste es zuweilen fast so erscheinen, als läge München neuerdings östlich von Wien, an der Wolga oder gar jenseits des Urals.

Wolfgang Griep, früher Leiter der Eutiner Landesbibliothek, führte in das Rahmenthema „Buch und Kunst in Osteuropa und Russland“ mit einem spannenden Vortrag über Reisebeschreibungen und Entdeckungsgeschichten ein. Gudrun Wirtz präsentierte Kostbarkeiten aus der Bayerischen Staatsbibliothek: ein glagolytisches Alphabet sowie ein frühes Holzschnitt-Porträt des Grafen Dracula. Um moderne russische Künstlerbücher ging es bei Béatrice Hernad, die viele Originalausgaben „zum Anfassen“ mitgebracht hatte, während Carola Pohlmann die Zuhörer in die zauberhafte Bilderwelt russischer Kinderbücher und der Illustrationen eines Bilibin oder Altman entführte. Der ebenso weitgereiste wie kenntnisreiche Wiener Antiquar Norbert Donhofer lieferte einen interessanten Insider-Bericht aus osteuropäischen Händlerkreisen, während Wolfgang Lacher anhand seiner bemerkenswerten Sammlung die Anfänge der serbischen Literatur – und der kyrillischen Schrift – erläuterte. Zur Exkursion ging es 2009 nach Salzburg, wo es den Schreibtisch, die Schreibmaschine, aber auch viele Autographen Stefan Zweigs zu bewundern gab. "Vom Ostwind verweht" nannte Dr. Dirk Heißerer schließlich seinen literarischen Spaziergang zu den Künstlern und Literaten aus Osteuropa, die es im Laufe der Jahrhunderte an die Isar gezogen hatte.

Und dann lag München für einen Abend wirklich an der Wolga: Statt in den Chinesischen Turm trafen sich die Antiquare zum traditionellen Abendessen im „Brandner Kaspar“, wo Dr. Michael Raab und seine Frau mit Pelmeni, Soljanka, Borschtsch, Piroggen und rotem Kaviar russische Küche vom Feinsten auftischten ...

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Hamburg war eine Reise wert ...

Beschwingte Tage beim 38. Fortbildungsseminar 2008 - Ein Rückblick von Sabine Keune

Vom 1. bis zum 4. Mai trafen über 40 Antiquarinnen und Antiquare in der Hansestadt zum 38. Fortbildungsseminar zusammen. Die Organisatoren hatten keine Mühen gescheut und boten ein anspruchsvolles Programm, das für beste Stimmung sorgte. Sabine Keune blickt auf beschwingte Tage in Hamburg zurück. Die Fotos von Robert Schoisengeier zeigen, was diejenigen verpasst haben, die nicht nach Hamburg kamen.

Das abwechslungsreiche Programm erwies sich als wahre Wundertüte. Bei schönem Wetter konnten wir die Gastfreundschaft der Kollegen des Auktionshauses Ketterer genießen, die in einem stattlichen Kontorhaus am Meßberg logieren. Die Vorträge hielten Überraschungen bereit. Wer wusste vorher, wer Julius Gottheil war, oder dass frühe nautische Lehrbücher gereimt waren? So konnte die "trockene" und komplizierte Materie den angehenden jungen Matrosen leichter eingepaukt werden. Tatsächlich, nur für nicht "Seeleute" waren die Lehrbücher gedacht.  Nautik wurde auch von Frauen gelehrt.

Roland Jaeger stimmte uns mit Blicken auf die Hansestadt und ihren Hafen im Fotobuch der Zwanziger- und Dreißigerjahre auf die Stadtführung durchs Kontorhausviertel und die Hafenrundfahrt ein. Der Führer Daniel Jahn erfreute mit hanseatischem Understatement und schier unerschöpflichen Zahlen und Fakten. Nur ein Beispiel: Das Chilehaus erhielt seinen Namen, weil der Bauherr sein Vermögen durch den Handel mit Chile erworben hat. Die Rundfahrt mit der Barkasse war ein Erlebnis. Der größte Pott im Hafen war ein chinesisches Schiff, das wie heute üblich, 7500 Container an Bord nehmen kann.

Zwei Jubiläen, zwei Vorträge, 100 Jahre Rowohlt und 40 Jahre Studentenbewegung.  Michael Töteberg, Coautor des Films "Goodbye Lenin", plauderte über die wechselvolle Verlagsgeschichte am Beispiel Ernst Falladas. Kein Wunder, dass das Archiv des Rowohlt-Verlags sehr lückenhaft ist. Reinhart Schwarz stellte Dokumente aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung vor, darunter die Dokumente der Berliner Kommune 1. Die Zeugnisse jener Chaos-Zeit, von Dieter Kunzelmann penibel geordnet in einem weltweit anerkannten Archiv – ein ganz besonderes Kapitel der Zeit- und Kulturgeschichte.

Am Samstag schließlich die Staats-und Universitätsbibliothek. Sie beherbergt eine umfangreiche Sammlung hebräischer Handschriften von Hilmar Levy. Der Vortrag von Hans-Walter Stork bot einen hervorragenden Überblick und die einmalige Gelegenheit, die Rara der Sammlung in Augenschein zu nehmen. Über Handeinbände von Hamburger Buchbindern berichtete Antje Pautzke. Einen Stock tiefer konnte anschließend die Ausstellung zum 300. Geburtstag des Hamburger Lyrikers Friedrich von Hagedorn besucht werden.

Es waren ebenso lehrreiche wie beschwingte Tage. Dafür gebührt den Hamburger Kollegen ein herzliches Dankeschön. Marion Hanke, Christian Höflich, Roland Jaeger, Meinhard Knigge und Dietrich Schaper gaben sich die allergrößte Mühe und alles funktionierte reibungslos. Nach vier Vorträgen am Freitag machten sie es sogar noch möglich, die Ausstellung "Schrecken und Lust - Die Versuchungen des Heiligen Antonius von Hieronymus Bosch bis Max Ernst" im Bucerius Kunst Forum zu besuchen und eine kundige und amüsante Führung durch Michael Philipp zu erleben.


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Termine

53. Stuttgarter Antiquariatsmesse

24. bis 26. Januar 2014 im Württembergischen Kunstverein

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