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54. Fortbildungsseminar in Halle (Halle an der Saale) vom 14. bis 17. Mai 2026

Das 54. Fortbildungsseminar in Halle war herrlich. Schauen Sie sich sehr gerne die von uns mit Hilfe von Selma El Sayed (Bassenge Buchauktionen) zusammengestellten Fotos an, die ganz gut den heiteren Geist des Seminars wiederspiegeln. Hier finden Sie einen sehr eigenwilligen, subjektiven Bericht von unserem Teilnehmer Frederic Borchert (Antiquariat Tautenhahn) im Stil von „Selbstreflexionen […], ungewöhnlich, aber es ist, was es ist: authentisch“, wie er selbst schreibt. Viel Spaß beim Lesen.

 

Halle untold, oder:
On peut toujours rêver de Halle. Il reste un bel été qui ne craint pas l'automne...

d'après Moustaki

54. Fortbildungsseminar in Halle (Halle an der Saale)  vom 14. bis 17. Mai 2026

Vorspiel
Irony is over. Bye, bye.
Jarvis Cocker

Es gibt Grundwahrheiten, die, prominent wie pointiert ausgesprochen, wenn sie schon nicht zu geflügelten Worten avancieren, dann doch zumindest allgemeine Anerkennung , vielmehr, laute oder leise, Zustimmung erfahren. In Sonderheit gilt dieses Phänomen auch für Städte, denen, dank gewissenhaften literarischen Tranchierens, ein (früher war Donnerhall) Homerisches Gelächter gewiss ist - immer, absolut immer einhergehend mit den obligatorischen, gesundheitlich schwer bedenklichen Gesichtszuckungen, dem jovial-zwinkernden Weil's-halt-stimmt-Auge.

Beispiele eines verkappten Oberlehrers :
"Ich finde Berlin zum Kotzen", serviert uns zum Beispiel Fallada volksnah in 'Wolf unter Wölfen' sein körperliches Befinden in Sachen Hauptstadt wohlfeil auf dem Silberteller; Salzburg widerum sei "in Wirklichkeit eine Todeskrankeit" lästert der ewig Mißverstandene Thomas Bernhard in 'Die Ursache' ein wenig undankbar über seine bühnengleiche Heimatstadt (#aeiou); und royale Tristesse erfährt man in money town Zürich: "eine Stadt der Angeber und Aufschneider und der Erniedrigung" (Kracht, Christian; Eurotrash). Zwinker, zwinker. Und Halle? Halle an der Saale? Am Neuen Theater thront (warum auch immer eingezäunt; knöchelhoch) seit 2004 in Stein ein der eigenen Wahrnehmung nach überlebensgroßer Curt Goetz auf dem Hallenser Hauptbahnhof en miniature (eine unter umgekehrten Vorzeichen apotheotische Assoziation mit Atlas Telamon drängt sich dem Betrachter zwingend verwirrend auf und unwirklich wirft man einen prüfenden Blick auf die eigene Fußbekleidung); je nun!, auf einer ebenda montierten Tafel liest man unter anderem auch Goetzens Reflektion über eine zeitgenössisch landläufige Überzeugung, daß das Schönste an Halle der Hauptbahnhof sei, um - und ich unterstelle stehenden Fußes -, "diese Stadt in alle Himmelsrichtungen hin zu verlassen". - Bücherkenner und Bücherliebhaber, so wie sie sich heuer in Halle, Halle an der Saale, zusammenrotteten, sind womöglich reflektiert, aber nicht zeitgenössisch; und sicher ned landläufig; sondern Gralsritter; Geheimisträger mit einer innewohnenden inhärenten exklusiven Novalis-Attitüde; will sagen: Verweilen wir noch!; und mag die Todtenglocken schallen...

 

Intermezzo I
That's the problem with drinking, I thought, as I poured myself a drink.
Charles Bukowski

[Die Aufgaben eines Protokollführers sind eher undankbar, das ist klar, und in meinem noch jungjungen Leben habe ich mich mit wenigen Ausnahmen stets davor recht elegant aus der Affäre ziehen können, aber den fraternisierenden Augen eines Dr. Markus Brandis' ist schwer Paroli zu bieten.]
Mitschriften sind klug. Weniger klug sind Mitschriften in zartem Bleistift und in eigenwilligem Sütterlin. Und besonders unklug, stellt man fest, ist es, wenn in der ersten (fortgeschrittenen) bierseligen Mußestunde in kleinem Convent, in mentaler Vorbereitung auf den lieb-schau-eingeforderten Bericht die Sütterlin-Schnipsel eine bemerkenswert pittoreske Verbindung aus Gerstensaft, rohem Ei (inklusive tänzelnden Eierschalen) und Waffenöl eingehen. Fatumszeit. (Nasser Kuchen schmeckt nicht ganz so gut.) Die frohe Botschaft: Die in zartes Strumpfband ohne Provenienz verhüllten Preußischen Instruktionen (Strumpfbandkataloge) und die der im Musei Vaticani beheimateten nachempfundenen Athena-Plastik (beides glühend zu verherrlichen in der Universitäts- und Landesbibliothek) haben sich mir immerwährend eingebrannt, für alles weitere vertraue ich auf meine vorzügliche Erinnerungsgabe.

En bloc
An der Saale hellem Strande
Stehen Burgen stolz und kühn...

Franz Kugler

Stichwort Totenglocken aus der Kavalierperspektive:  Empor gerissen auf den Altan der 1698 gegründeten Franckeschen Stiftungen, der im Zentrum Halles, Halle an der Saale, gelegenen historischen Schulstadt pietistischer Fasson, schaut man im Panoramablick die Wahrzeichen der Stadt: Schulbauten aus Fachwerk und Stein aus drei Jahrhunderten (darunter die Cansteinsche Bibelanstalt), Stadtgottesacker und Galgenberg (für diejenigen ohne gültigen Fahrschein), den Kopf Ernst Thälmanns in einem Kranz von neun Elfgeschossern poststalinistischen Anstrichs (errichtet auf den ehemaligen Plantagen der Stiftungen - schulmeistert anderswo!), Halle-Neustadt und - immerhin - vier von fünf Türmen (Marktkirche Unser Lieben Frauen und Roter Turm). Ach, ja: Nicht zu vergessen den sich durch die Stadt fressenden Lindwurm in Beton. Zwar das Köpfchen sitzt ihr schief, sonst ist sie manierlich; ein Fuß hoch, der and're tief, keine hinkt so zierlich... Um aber die Seele der Stadt, den Coup de Foudre zu erleben, lohnt's sich allemal hinabzusteigen: die Hallenser Schlaufe führt im angenehmen Wechseltempo an den Sehenswürdigkeiten vorbei - auch an den verborgenen wie etwa der sich über zwei Stockwerke erstreckenden barocken Mauer-Orgel im Händel-Haus. ...ihre Dächer sind gefallen, und der Wind streicht durch die Hallen, Wolken ziehen drüber hin. Der von Franz Kugler verdichtete Wind - er weht nicht mehr (seit 2008), und die Burg ist eigentlich auch keine Burg: Die Moritzburg beherbergt seit 1904 das 'Kunstmuseum Moritzburg' und präsentiert in einem spektakulären Ambiente 250.000 Objekte von der Antike bis zur Gegenwart; vor allem der Schwerpunkt auf die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts beeindruckt tief: Emil Nolde, Ernst Wilhelm Nay, Oskar Moll, Alexej von Jawlensky, Franz Marc, Lyonel Feininger, Magnus Zeller, Kurt Teubner, Otto Mueller, Paul Klee, Max Beckmann, Gustav Klimt, Paula Modersohn-Becker und, und, und. Nonkonformistische Rebellion und wundersames, trotziges Zeugnis gegen opportunistisch Abgeschmacktes (wie etwa der gespiegelten NS-Kunst).
Aber noch ein, zwei Worte zu den Franckeschen Stiftungen. Tempus fugit: An dieser Stelle ist man u.a. Paul Raabe zu Dank verpflichtet, der dem heutigen Besucher den Realienunterricht anhand von "penetrante[n] Gestank[s] von [...] scharenweise herumliegenden Kadavern toter Tauben" ersparte (In Franckes Fußstapfen). Dieses Bild hat sich verflüchtigt: Heute laden der dem didaktischen Lernen gewidmeten Kunst- und Naturalienkammer (zwischen tätowierten Fischen ein 6,02m langer Unterkieferknochen eines Wales), der historische Bet- und Singsaal (jetzt Konzertsaal, zwischendurch auch Bauern- und Arbeiterfakultät) und nicht zuletzt die herrliche historische Kulissen-Bibliothek mit ihren knarrenden Dielen zum staunenden Verweilen ein.

 

Intermezzo II
Im Krug zum grünen Kranze
Da kehrt' ich durstig ein...

Wilhelm Müller

In diesem idyllisch im Saaletal eingebetteten, traditionsreichen Gasthaus genießt man zweierlei: klassisch deutsche Küche abgeschmeckt mit einem einladenden Blick auf Burg Giebichenstein (in die Unterburg zog 1922 die renommierte Kunstgewerbeschule ein; in der Oberburg weht noch der Wind). Soweit, so schön; nur 1.: Die Becher klingen nicht mehr, die Hände brennen nicht mehr, die alten irren Lieder, Lieder der Sehnsucht, sind verstummt und keine Ringe wurden getauscht; nur 2. (und Bedauerstes nimmt dann irgendwie auch nicht mehr wunder): Im Postkartenständer (immerhin gefällig auf dem Tresen, direkt an einem Vollbier-Zapfhahn platziert) finden wir nicht etwa Wilhelm Müller-, nein, sondern Eichendorff-Portraitkarten. Jerum, jerum. - - - Die Sonne ist weg, die Dämmerung setzt ein. Burg Giebichenstein (Oberburg) läßt sich nachttrunken nicht erklimmen, gleichviel aus welcher Himmelsrichtung es probierend. Aber davon und woran K-Gruppen in Halle, Halle an der Saale, kranken und warum Sponti-"Unternehmen" (kein Witz: Unternehmen!) auch nicht die Lösung sind vielleicht an anderer Stelle einmal mehr. (Oder im Zwielicht und aus erster Hand von den Jungs in der Punkerkneipe GIG, Ganz im Gegenteil, in der Reilstraße. - Spoiler: Es liegt dann doch nicht am wording.)

Finale
Il faut vous enivrer sans trêve. Mais de quoi ? De vin, de poésie ou de vertu, à votre guise. Mais enivrez-vous, oder
Es schafft das Herz aus flüchtigen Sekunden/sich der Erinnerung frohe Ewigkeit
Baudelaire; Friedrich von Müller

Laß rauschen, Lieb, laß rauschen! Wir wurden berauscht. Und so wie immer, wenn man im gestreckten Galopp, unter den Hufen jagender Stunden, konzentriert von so viel Schönem und Hohem und Lichtem an Buchkunst und Buchgeschichte vollständig gefangen genommen wird, scheint es Don Quijote-gleich, sich anzuschicken, auf "ein bis zwei Seiten" den würdigenden Wurf zu landen (oder um im Bild zu bleiben: den gezielten Hieb zu setzen). Aus dieser festen Überzeugung heraus, und auch eingedenk Waggerls Credo, daß alles Wahre einfach sei, möchte ich mich auf die Tugend der aufrichtigen Dankbarkeit beschränken: Dank gilt der Buchkünstlerin Claudia Richter, dem Bibliothekar der Universitäts- und Landesbibliothek Martin Scheuplein (sowie seiner wunderbar nonchalanten Kollegin), Danny Weber, Leiter von Archiv und Bibliothek der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und Anke Fiebinger, Leiterin der Marienbibliothek. Finalement gilt der spezielle Dank den Organisatoren, Alexis und Markus, die es einmal mehr vollbracht haben, programmatisch ein Feuerwerk an Reizpunkten zu setzen - herzlichen Dank.

                Fortuna, Pallas, Kairos, Pan!
                Walle, mein Hallenser Banner!
                Vergehe! Rest!
                Aus uns'rer Bahn!
               
Borchert

Borchert, Frederic. Habe die Ehre.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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