26. September 2022

Bücherlust
Unser Lieblingsbuch – Der Briefschreiber Goethe von Albrecht Schöne

Es gibt Momente, in denen sich auch ein Autographenhändler auf eine einsame Insel wünscht. Aber: welches Buch sollte man dann mitnehmen? Wir haben einen Vorschlag: Albrecht Schöne, Der Briefschreiber Goethe. Das Buch ist keine Neuerscheinung, aber – wie in der Bibel – kann man immer wieder mit Gewinn darin lesen. Schöne dringt wie niemand anders in das Geheimnis des Briefes ein. Anhand von neun exemplarischen Fallstudien – beginnend mit dem ersten Schreiben des 14-Jährigen und endend mit dem Brief des 82-Jährigen wenige Tage vor seinem Tod – erschließt er die Briefe nicht nur als biographische Zeugnisse, sondern zugleich als sprachliche Kunstwerke. Dabei entdeckt er bisher unbekannte Bezüge zu Leben und Welt Goethes, und er versteht es, diese glänzend und frei von Wissenschaftsjargon darzustellen. Welche Mühe früher für das Verfassen und Versenden von Briefen aufgewendet werden musste, stellt Schöne äußerst kenntnisreich in drei Exkursen über »Weimarer Postverhältnisse«, »Diktierte Briefe« und »Anredepronomina« dar, Exkurse, die man immer von Neuem mit Gewinn lesen kann und in denen man immer Neues entdeckt. In den neun »Fallstudien« zeigt Schöne, dass sich hinter jedem der kunstvoll aufgebauten Briefe eine ganze Welt von Bezügen versteckt und er hebt diese versteckten Schätze durch seine profunden Forschungen ans Tageslicht. Man mag beklagen, dass die Kulturtechnik des Briefschreibens durch die digitale Revolution, wenn nicht untergegangen, doch in wenige Bereiche abgedrängt worden ist. Durch Schönes Buch wird aber deutlich, welche hohe Kunst in Verlust geraten ist, während gleichzeitig die Konversation mit entfernten Personen durch die Telekommunikation um so vieles erleichtert wurde. Auch das steckt in Schönes Buch: es gibt keinen Gewinn, durch den man nicht etwas anderes verliert. Auch deswegen ist Schönes Buch für den sprichwörtlichen Aufenthalt auf der einsamen Insel besonders gut geeignet.

Albrecht Schöne, Der Briefschreiber Goethe. München, Beck, 2015.

Barbara van Benthem und Eberhard Köstler


21. September 2022

Kataloge
Pictorial Literature – Fünfte und letzte Folge
Katalog 67 Antiquariat Sabine Keune, Aachen

Der vorliegende Katalog ist der letzte der Reihe, die die Sammlung des Basler Sammlers Dr. Martin Kaiser umfasst. Seit etwa 70 Jahren widmet sich Kaiser dem künstlerisch anspruchsvoll illustrierten Bilderbuch und hat dabei die gesamte Welt im Blick. Das 117 Titel umfassende Angebot enthält daher Bilderbücher aus nahezu allen europäischen Ländern, außerdem aus den USA und Japan. Und das nicht nur aus den Jahren, die bislang meist im Mittelpunkt der Betrachtung und des Sammelns standen, also vom Biedermeier bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, sondern hinein bis in die Gegenwart. Neben Klassikern wie S. Hansens »Großstadt-Bilderbuch«, dem »Osterbuch« von K. F. E. Freyhold, K. Hofers »Rumpumpel« oder der ersten amerikanischen Ausgabe von »Peregrin and the Goldfish« von Tom Seidmann-Freud finden sich zahleiche sehr ausgefallene Titel: »La Campana que anda« (»Die wandelnde Glocke« von Goethe), 1920 expressiv von Josep Obiols illustriert und in Barcelona erschienen, zwei Hefte des japanischen Magazins »Kodomo No Kuni« (Kinderland) von 1932 oder sechs Bilderbücher des amerikanischen Illustrators Leonard Weisgard aus den Jahren 1938 bis 1962. Diese Bandbreite verschiedenster Illustrationsstile macht nicht nur den Reiz dieses Kataloges aus, sondern verführt überhaupt zum Sammeln: »Nun gehen sie hinaus, finden neue Heimaten in anderen Sammlungen, werden von anderen Augen und Händen betrachtet und geliebt … Wir möchten ‚Valete!‘ sagen, und glauben an die Lebendigkeit des Sammelns, einer menschlichen Zuwendung und einem bewussten Aufbauen, heute nötiger denn je« (aus dem Geleitwort von Friedrich C. Heller).

Antiquariat Sabine Keune
Kupferstraße 15
52070 Aachen
Telefon (0241) 900 727 47
→ S.Keune[at]t-online[dot]de
→ www.antiquariat-keune.eu


16. September 2022

Kulturtipps
Philosophie und Kunst
Das Nietzsche-Archiv in Weimar, ein Gesamtkunstwerk von Henry van de Velde

Wer nach Weimar reist, hat die Qual der Wahl. Zwischen Anna Amalia, Goethe, Schiller und dem Bauhaus gibt es viel zu sehen. Gerne einmal übersehen wird dabei ein wahres Schmuckstück: das Friedrich-Nietzsche-Archiv im Henry van de Velde-Haus. Das Haus ist ein Gesamtkunstwerk, so kunstvoll, so besonders, so außergewöhnlich wie der Philosoph, dessen Leben, Werk und Wirkung hier, in der Villa Silberblick, gedacht wird.
Das Archiv wurde 1894 in Naumburg gegründet und befindet sich seit 1896 in Weimar. In der Villa Silberblick verbrachte der kranke Philosoph, gepflegt von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die letzten Lebensjahre. Nach seinem Tod ließ sie das Gebäude, besonders die Archivräume, von Henry van der Velde neu gestalten. Innenarchitektur und Ausstattung zählen zu den schönsten Werken des belgischen Künstlers. Das Gesamtkunstwerk ist fast vollständig erhalten. Besonders sehenswert sind die Räume im Erdgeschoss, das ehemalige Speisezimmer und die Bibliothek mit der von Max Klinger geschaffenen Nietzsche-Herme aus Marmor. Die gesamte Inneneinrichtung einschließlich der Öfen, Teppiche, Möbelstücke und Vorhänge wurde von Henry van de Velde entworfen. Eine Ausstellung dokumentiert dazu das Leben, die Leistungen und die teils wechselvolle Rezeptionsgeschichte des großen Philosophen Friedrich Nietzsche. Das Tüpfelchen auf dem »I« bietet die derzeitige Sonderausstellung: Nietzsche – Weimar – DDR. Wie Massimo Montinari und Giorgio Colli in Weimar Fälschungen aufspürten.
 

Friedrich Nietzsche-Archiv
Humboldtstraße 36
99425 Weimar

→ Geöffnet Mittwoch bis Montag (außer Dienstag) 10:00 bis 18:00 Uhr
→ Weitere Informationen: https://www.klassik-stiftung.de/ihr-besuch/ausstellung/nietzsche-weimar-ddr/


15. September 2022

Messen
1. Antiquariatsmesse »Bücherlust« in Berlin-Karlshorst,
10. bis 11. September 2022

Unser Mitglied Christoph Neumann hat mit Mut und Unternehmungsgeist aus dem Nichts eine Antiquariatsmesse in der alten Tribünenhalle der Trabrennbahn in Karlshorst ausgerichtet. Als »Das Wunder von Berlin« hat er sie lachend selbst bezeichnet, da seiner relativ kurzfristig erfolgten Einladung ad hoc 50 namhafte Aussteller (davon 9 aus dem europäischen Ausland) gefolgt waren.

Karlshorst setzt damit nach geraumer Zeit pandemiebedingter Starre einen wichtigen Impuls zu einem Auftakt antiquarischen Messelebens in Deutschland. Der Veranstalter überzeugte mit niedrigen, kalkulierbaren Mieten (»bring your own shelfes«) für die beliebig erweiterbaren Stände und dem besonderen Charme der schon etwas in die Jahre gekommenen Location: Die Tribünenhalle ist hoch, verfügt über eine umlaufende Galerie, große Fensterfronten, weist einen nüchternen, rechteckigen Grundriss mit ca. 1.200 qm auf, hat saubere sanitäre Anlagen und bietet Spielraum für variable Standaufteilungen. Die Anlieferungssituation ist entspannt. Das weitläufige, grüne Umfeld ist Veranstaltungsort eines großen Flohmarktes. Das reizende Ambiente einer Rennbahn mit Wettbüro, Pferdekoppeln und trainierendem Nachwuchs trägt nicht wenig zur Einzigartigkeit des Messestandorts bei.

Die Antiquare genossen ganz offensichtlich ihr Zusammentreffen nach langer Zeit, nutzten die Stunden um sich auszutauschen; angesichts der niedrigen Kosten verursachte der zunächst etwas verhaltene Besucherstrom keine Magenschmerzen, war es doch eine der Intentionen des Veranstalters, ein Forum für die Kollegen zu schaffen, um Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Die Messe soll künftig jährlich stattfinden. DZ


12. September 2022

Von Antiquaren und Sammlern

... Norbert Munsch

Hinter jedem Antiquariat steht ein kluger Kopf. Antiquarinnen und Antiquare versinken in Büchergebirgen und Graphikmappen, verbergen sich hinter Computerbildschirmen, Antiquariatskatalogen, Angebotslisten, Websites und Onlineshops. Man trifft sie auf Antiquariatsmessen und in ihren schönen Ladenlokalen, manchmal sogar in Krimiserien. Barbara van Benthem und Sibylle Wieduwilt haben sich auf die Reise begeben und die Kollegen des Verbandes Deutscher Antiquare für eine Reihe von Interviews besucht und mit ihnen gesprochen. Sie haben viel zu erzählen. Heute begeben wir uns in die Schaltzentrale des Verbandes, in die Geschäftsstelle zu Norbert Munsch.

 

Seit wann arbeitest Du für den Verband und wie kam es dazu?
Auf der Suche nach anspruchsvollen Aufgaben habe ich als Eigentümer einer Kongress- und Messeagentur unser Angebot bei zahlreichen Verbänden beworben. Konkret wollten wir den VDA bei der Organisation und Durchführung der Kölner Antiquariatsmesse im Gürzenich unterstützen. Gundel Gelbert und Hanno Schreyer besuchten daraufhin unser Büro in der Kölner Innenstadt und einige Gespräche später hatte unsere junge Firma einen neuen Kunden. Das war 1993 und seither ist der VDA ein wesentlicher Teil meiner täglichen Arbeit.

Du leitest eine Firma, die u.a. medizinische Kongresse veranstaltet. Was ist einfacher zu organisieren: ein Medizinerkongress oder eine Antiquariatsmesse?
Ziel der Arbeit als Kongress- und Messeorganisator ist es, eine perfekte Vorbereitung und Durchführung einer Veranstaltung zu gewährleisten. Ob dies im Rahmen kleiner Seminare, eines großen Ärztekongresses oder aber für eine Antiquariatsmesse geschieht, ist zunächst nicht entscheidend. Viel wichtiger ist es, die individuellen Anforderungen zu erkennen und bestmöglich umzusetzen.
Sicherlich sind mir aber die Antiquariatsmessen, nach annähernd 30 Jahren, ganz besonders ans Herz gewachsen und auch die ein oder andere Freundschaft ist durch meine Arbeit beim VDA entstanden. Das gute persönliche Verhältnis zu den Antiquarinnen und Antiquaren empfinde ich als besondere Wertschätzung meiner Arbeit.

Wie gehst Du mit der Herausforderung um, Dich immer wieder an neue »Chefinnen oder Chefs« im Vorstand gewöhnen zu müssen?
Der im Frühjahr neu gewählte Vorstand ist der 15. Vorstand den ich mittlerweile in meiner Amtszeit begleiten darf. Als Dienstleister verstehe ich meine Aufgabe so, die Arbeit der gewählten ehrenamtlichen Vertreter bestmöglich zu unterstützen. Es ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aus der natürlich auch eine besonders enge Verbindung zur jeweiligen Vorsitzenden oder zum jeweiligen Vorsitzenden resultiert. Was soll ich sagen, hier habe ich immer Glück und ein gutes Verhältnis zu allen bisher gewählten Vorstandsmitgliedern gehabt.

Wie sieht ein Tag im Leben eines Geschäftsstellenleiters aus?
Seit Corona- und Home-Office-Zeiten fahre ich nicht mehr täglich in mein Kölner Büro. Mein Büro in meinem Heimatort im Westerwald erreiche ich morgens bequem per E-Scooter oder Fahrrad. Der Arbeitsalltag ist aufgrund der unterschiedlichen Kunden und deren Anforderungen sehr vielfältig. Er wird maßgeblich von den eintreffenden Mails und Telefonaten geprägt. Für die Durchführung der Kongresse oder Messen sowie der Termine mit unseren Auftraggebern bin ich zudem regelmäßig in ganz Deutschland unterwegs.

Seeblick 1 klingt nach Natur und Erholung, was muss man sich unter dieser Adresse in Elbingen vorstellen?
Neben der Büroadresse in Köln bin ich oder der VDA über die Adresse meines Büros in Elbingen erreichbar. Und ja, der Name der Straße stimmt wortwörtlich – es gibt einen Blick auf einen kleinen See. Der gehört zu einem Camping- und Mobilheimplatz dessen Eigentümer ich bin.

Hat sich die Arbeit für den Verband im Laufe der Jahre verändert? Und wenn ja, inwiefern?
Früher waren es fertige Aufgabenpakete die an die Geschäftsstelle weitergereicht wurden. Heute beginnt die Arbeit schon vorher. Der jeweilige Vorstand und ich sind permanent im Gespräch, von der Ideenentwicklung bis zur konkreten Umsetzung. So bin ich zwar bis heute nicht zu einem Antiquar geworden, aber durchaus enger mit der Materie verbunden als z.B. bei der Organisation eines großen Ärztekongresses.

Du arbeitest für verschiedene Kunsthandelsverbände. Wo und wie können sich diese einzelnen Verbände ergänzen?
Ganz wichtig ist die Erkenntnis, dass eine gute Zusammenarbeit von Verbänden mit ähnlicher inhaltlicher Ausrichtung tatsächlich Einfluss für eine ganze Branche haben kann. So führt die Zusammenarbeit des VDA mit verschiedenen anderen Verbänden aus dem Bereich der Kunst in der Interessengemeinschaft Deutscher Kunsthandel dazu, dass hier über 1.000 aktive Händler vertreten werden und eine Beachtung dieser Interessen bei Politik und Verwaltung durchaus erkennbar ist.

Wie würde für Dich das perfekte Antiquariat aussehen?
Hier schwanke ich zwischen einem perfekt aufgeräumten und sortierten Antiquariat und dem extremen Gegenteil. Bei der Büchersuche ist ein gewisses Chaos aber sicher eine sehr spannende Chance. Für beide Varianten gibt es den Wunsch nach einem unerschöpflichen Zeitbudget.

Was machst Du, wenn Du nicht für den Verband tätig bist?
Meine Leidenschaft ist das Skilaufen, hierfür besitze ich auch eine Ausbilderlizenz. Als Fahrer verschiedener Rasenmäher auf dem Campingplatz bin ich aber ebenfalls häufig anzutreffen – schöner kann man von spannenden Büroarbeiten nicht abschalten.

 

ZUR PERSON
Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität zu Köln, Abschluss: Diplom-Kaufmann, verheiratet, zwei Kinder, Gesellschafter der ECM Expo & Conference Management GmbH in Köln, Erster Beigeordneter der Ortsgemeinde Elbingen


9. September 2022

Kulturtipps
»Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge«

Am 14. September wird das Deutsche Romantik-Museum ein Jahr alt. Anlass genug, um die blaue Himmelstreppe emporzusteigen und sich von der vielfältigen Ausstellung in die Welt des ausgehenden 18. und des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts entführen zu lassen.

Romantik, was ist das: eine Strömung der Literatur und Kunst, ein ästhetisches Programm, eine Idee und Geisteshaltung oder doch einfach nur ein sentimentales Gefühl? Auf zwei Etagen finden Sie an 35 unterschiedlichen Stationen Antworten auf diese Fragen.

Grundlage des Museums sind die zahlreichen, bereits seit über 100 Jahren vom Freien Deutschen Hochstift zusammengetragenen Originalmanuskripte und Briefe, Erstausgaben, Liederhandschriften und vielerlei Dinge mehr. Multimedial präsentiert und aufbereitet zeigt es im wahrsten Sinne des Wortes die Handschrift der romantischen Idee. Ziehen Sie die.Schubladen auf, hören Sie Textbeispiele an einer der vielen Stationen oder lassen Sie sich einfach von Raum zu Raum treiben. Getragen von der hervorragenden architektonischen Umsetzung durch Christoph Mäckler ist das Museum auf alle Fälle ein Teil der Welt, die ganz nach Novalis »romantisiert wurde«.

Deutsches Romantik Museum
Großer Hirschgraben 21
60311 Frankfurt am Main
https://deutsches-romantik-museum.de/


 

 

Verband Deutscher Antiquare e.V.

Geschäftsstelle: Norbert Munsch
Seeblick 1, 56459 Elbingen
Fon +49 (0)6435 909147
Fax +49 (0)6435 909148
E-Mail buch[at]antiquare[dot]de